Warum wir bleiben

Nur weil wir schon so lange geblieben sind?

Warum wir bleiben

Ich kenne dieses eigentümliche Argument aus meinem eigenen Denken: Jetzt habe ich schon so viel Zeit hineingegeben. Der Satz kann sich auf eine Beziehung beziehen, auf eine Arbeit, auf ein Projekt, auf eine Überzeugung oder auf einen Weg, den ich vor langer Zeit eingeschlagen habe. Eigentlich sagt er noch nichts darüber aus, ob das, worin ich geblieben bin, heute noch zu mir passt. Und trotzdem besitzt er eine erstaunliche Kraft. Fünf Jahre fühlen sich anders an als fünf Monate, zwanzig Jahre anders als zwei. Je länger etwas Teil meines Lebens gewesen ist, desto schwerer scheint es zu werden, es infrage zu stellen. Nicht unbedingt, weil es wertvoller geworden ist, sondern weil ein Ende plötzlich auch eine Frage an all die Zeit davor stellt. Wenn ich heute gehe, war dann alles umsonst? Habe ich mich geirrt? Hätte ich früher erkennen müssen, was ich jetzt sehe? Solche Gedanken können einen Menschen an etwas binden, obwohl die eigentliche Frage längst eine andere geworden ist: Würde ich mich heute noch einmal dafür entscheiden, wenn ich nicht schon so lange darin wäre?

Ich habe erst spät verstanden, wie sehr vergangene Investitionen unsere gegenwärtigen Entscheidungen beeinflussen können. In der Psychologie gibt es dafür den Gedanken der bereits aufgewendeten Kosten: Zeit, Kraft, Geld, Hoffnung und Gefühle sind unwiederbringlich investiert, und gerade deshalb fällt es uns schwer, etwas aufzugeben. Im Alltag braucht dieser Mechanismus keinen wissenschaftlichen Namen. Man spürt ihn. Ich habe bereits so viel aufgebaut. Ich habe mich so lange bemüht. Wir kennen uns seit so vielen Jahren. Ich bin diesen Weg doch nicht gegangen, um kurz vor dem Ziel umzukehren. Jeder dieser Sätze kann sinnvoll sein. Ausdauer hat ihren Wert, Beziehungen brauchen schwierige Zeiten, nicht jedes Projekt sollte beim ersten Widerstand beendet werden. Doch die Vergangenheit kann keine Garantie dafür geben, dass Bleiben auch in der Gegenwart noch richtig ist. Zeit beweist zunächst nur, dass etwas lange gedauert hat.

Was mich daran besonders beschäftigt, ist unser Bedürfnis, der eigenen Lebensgeschichte im Nachhinein einen Zusammenhang zu geben. Ich möchte glauben können, dass Entscheidungen einen Sinn hatten. Wenn ich mich zehn Jahre für etwas eingesetzt habe und dann anerkennen muss, dass ich heute nicht mehr darin leben möchte, berührt das leicht mein Selbstbild. Ein Ende kann sich anfühlen, als würde ich mein früheres Ich zurückweisen. Dabei sehe ich das inzwischen anders. Die Tatsache, dass etwas heute nicht mehr passt, macht die Jahre davor nicht automatisch falsch. Ein Mensch kann mir einmal sehr nah gewesen sein und heute nicht mehr zu meinem Leben gehören. Eine Arbeit kann mich geprägt, ernährt und vieles gelehrt haben und trotzdem irgendwann zu eng werden. Eine Überzeugung kann mir in einer bestimmten Lebensphase Orientierung gegeben haben und später nicht mehr tragen. Ich muss die Vergangenheit nicht entwerten, um ihr zu erlauben, Vergangenheit zu werden.

Gerade Beziehungen zeigen mir, wie tief diese Verknüpfung reichen kann. Gemeinsame Jahre bestehen nicht aus einer abstrakten Zahl. Sie bestehen aus Erinnerungen, Orten, Gesprächen, Krisen, Gewohnheiten, Menschen, die man gemeinsam kennt, vielleicht einem Zuhause und einem Bild davon, wer man miteinander geworden ist. Deshalb wäre es mir zu oberflächlich zu sagen, jemand bleibe einfach aus Bequemlichkeit. Oft hängt viel mehr daran. Wer geht, verlässt nicht nur einen Menschen oder eine Situation. Er lässt auch eine Version seiner eigenen Geschichte zurück. Und selbst wenn etwas schon lange nicht mehr lebendig ist, kann die Vorstellung schmerzen, dass all diese Jahre nicht in das Ende münden, das man ihnen einmal zugedacht hatte. Ich habe bei mir erkannt, wie leicht Hoffnung dann ihre Richtung verändern kann. Ich hoffe nicht mehr unbedingt, weil ich das Kommende wirklich vor mir sehe, sondern weil ich die Vergangenheit retten möchte.

Ähnlich ist es mit Wegen, die wir für uns selbst gewählt haben. Je länger ich mich mit etwas identifiziere, desto schwerer wird die Vorstellung, davon abzuweichen. Wenn ich Jahrzehnte von mir gesagt habe, dass ich ein bestimmter Mensch bin, bestimmte Werte vertrete oder eine bestimmte Richtung gehe, fühlt sich eine Veränderung schnell wie Untreue an. Ich kenne dieses innere Zögern. Es ist weniger die Angst vor dem Neuen als die Frage, was aus dem bisherigen Selbstverständnis wird. Denn ein Kurswechsel betrifft nicht nur die Zukunft. Er zwingt mich, die Vergangenheit mit anderen Augen anzusehen. Plötzlich erkenne ich Entscheidungen, die ich früher verteidigt habe, vielleicht differenzierter. Das kann unangenehm sein, weil wir gern glauben, uns selbst über die Jahre treu geblieben zu sein. Doch vielleicht besteht Treue zu mir selbst nicht darin, jede frühere Entscheidung fortzuführen. Vielleicht kann sie ebenso darin liegen, wahrzunehmen, dass ich heute nicht mehr derselbe Mensch bin, der sie einmal getroffen hat.

Noch schwieriger wird es dort, wo Durchhalten einen moralischen Wert bekommt. Aufgeben klingt schnell nach Schwäche, Bleiben nach Charakter. Wer lange durchhält, gilt als verlässlich. Wer einen begonnenen Weg beendet, muss sich häufig erklären. Ich habe diese Bilder auch in mir getragen. Sie können dazu führen, dass ich nicht mehr prüfe, weshalb ich bleibe, sondern nur noch stolz darauf bin, dass ich geblieben bin. Aus Beständigkeit wird dann ein Wert an sich. Dabei kann es genauso viel Mut brauchen, eine Grenze anzuerkennen wie sie immer weiter hinauszuschieben. Ich möchte daraus keine romantische Vorstellung vom Loslassen machen. Gehen ist nicht automatisch klüger als Bleiben. Es gibt Situationen, in denen gerade das Aushalten, Reparieren und erneute Versuchen etwas Wertvolles entstehen lässt. Für mich liegt der entscheidende Unterschied tiefer: Bleibe ich noch wegen dessen, was heute zwischen mir und dieser Sache existiert, oder verteidige ich hauptsächlich, was gestern darin investiert wurde?

Hier erkenne ich vieles von dem wieder, was mich beim Schreiben von „Ich – Deine beste Lügnerin“ beschäftigt hat. Selbsttäuschung braucht keine offensichtliche Lüge. Sie kann aus einem vollkommen wahren Satz entstehen: „Ich habe bereits so viel gegeben.“ Das stimmt möglicherweise. Die Täuschung beginnt erst, wenn aus diesem wahren Satz automatisch die Schlussfolgerung wird, deshalb müsse ich weitergeben. Ich habe für mich gelernt, dass unsere inneren Erklärungen oft gerade deshalb so schwer zu durchschauen sind, weil sie einen echten Kern besitzen. Wir erfinden nicht alles. Wir verschieben nur das Gewicht. Die Jahre, die Mühe und die Erinnerungen werden so bedeutsam, dass die Gegenwart kaum noch zu Wort kommt. Und irgendwann verteidige ich nicht mehr unbedingt das, worin ich lebe, sondern den Wunsch, mich mit meiner bisherigen Entscheidung nicht geirrt zu haben.

Dabei empfinde ich es inzwischen als tröstlich, dass ein Ende den Wert einer Erfahrung nicht rückwirkend auslöscht. Nicht alles, was einmal richtig war, muss für immer richtig bleiben. Ein Buch, das mich mit zwanzig geprägt hat, muss mir mit fünfzig nicht dieselben Antworten geben. Ein Mensch kann einen wichtigen Abschnitt meines Lebens begleitet haben, ohne dass daraus ein Anspruch auf alle kommenden Jahre entsteht. Ein Traum kann mich weit geführt haben und trotzdem an einem Punkt enden, an dem ein anderer beginnt. Vielleicht macht gerade unsere Vorstellung von Dauer so vieles schwer. Wir wünschen uns gern, dass etwas, das Bedeutung hatte, diese Bedeutung dadurch beweist, dass es bleibt. Doch manches war bedeutend, gerade weil es eine Zeit lang da war.

Wenn ich heute merke, dass ich innerlich vor allem die Länge einer Geschichte als Grund für ihre Fortsetzung anführe, werde ich aufmerksam. Nicht weil ich dann sofort gehen müsste, sondern weil dieser Gedanke etwas offenlegt. Die vergangenen Jahre stehen hinter mir und scheinen zu sagen: Nach allem, was du hierher getragen hast, kannst du doch jetzt nicht einfach weitergehen. Und dann stelle ich mir gelegentlich vor, die Zeit könnte für einen Augenblick aus dem Raum treten. Keine fünf, zehn oder zwanzig Jahre, keine investierte Kraft, keine Erinnerung daran, wie oft ich bereits geblieben bin. Nur das, was heute noch da ist. In diesem stillen Bild verändert sich die Frage. Sie lautet nicht mehr, wie viel ich verlieren würde, wenn ich gehe. Sie wird viel einfacher und zugleich unbequemer: Wenn ich diesem Ort heute zum ersten Mal begegnen würde, würde ich ihn noch immer wählen.

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