Warum wir uns selbst belügen

Über kleine Selbsttäuschungen im Alltag

Warum wir uns selbst belügen

Neulich ertappte ich mich bei einem Satz, den ich schon unzählige Male gedacht hatte: „Dafür habe ich gerade keine Zeit.“ Es war kein großer Moment, nichts Dramatisches, nur eine dieser beiläufigen inneren Begründungen, die im Alltag auftauchen und sofort wieder verschwinden. Doch diesmal blieb ich daran hängen. Denn eigentlich wusste ich, dass Zeit nicht das Problem war. Ich hatte nur keine Lust, mich mit der Sache zu beschäftigen. Oder genauer gesagt: Ich wollte das Gefühl vermeiden, das mit ihr verbunden war. Diese kleine Erkenntnis war beinahe unscheinbar und gerade deshalb so interessant. Ich hatte mich nicht bewusst angelogen. Ich hatte mir lediglich eine Version der Wahrheit erzählt, die angenehmer klang und mit der ich mich besser fühlen konnte.

Seitdem achte ich stärker auf solche kleinen Verschiebungen. Sie begegnen mir überall. Ich sage mir, dass mir etwas nicht wichtig ist, obwohl ich enttäuscht bin. Ich behaupte innerlich, dass mir die Meinung eines anderen Menschen gleichgültig sei, während ich Stunden später noch darüber nachdenke. Ich erkläre mir, dass ich nur vernünftig handle, obwohl ich in Wirklichkeit Angst vor einer Veränderung habe. Diese Selbsttäuschungen sind selten groß genug, um sie sofort als Lüge zu erkennen. Sie sind fein, oft sogar plausibel. Gerade das macht sie so wirksam. Ich muss mir keine völlig erfundene Geschichte erzählen. Es genügt, einen Teil der Wahrheit hervorzuheben und einen anderen so leise werden zu lassen, dass ich ihn nicht mehr hören muss.

Ich habe lange gedacht, Selbsttäuschung sei vor allem etwas, das andere Menschen betrifft oder in besonders schwierigen Lebenssituationen geschieht. Heute sehe ich sie viel alltäglicher. Sie steckt in kleinen Rechtfertigungen, in Gewohnheiten und in den Erklärungen, die ich mir über mein eigenes Verhalten gebe. Wenn ich etwas immer wieder tue, obwohl es mir nicht guttut, finde ich leicht Gründe dafür. Wenn ich in einer Situation bleibe, die mich längst unzufrieden macht, kann ich mir erklären, weshalb es gerade nicht anders geht. Wenn ich jemanden nicht loslassen möchte, kann ich meine Hoffnung für Treue halten. Und wenn ich etwas nicht wage, lässt sich Vorsicht sehr viel angenehmer anhören als Angst. Das bedeutet nicht, dass jede Begründung falsch ist. Es bedeutet nur, dass wir erstaunlich geschickt darin sein können, gerade jene Erklärung zu wählen, die uns am wenigsten mit uns selbst konfrontiert.

Darin steckt für mich etwas sehr Menschliches. Wir belügen uns nicht unbedingt, weil wir unehrlich sein wollen. Oft tun wir es, weil Ehrlichkeit Folgen hätte. Wenn ich wirklich zugebe, dass ich unzufrieden bin, könnte sich die Frage stellen, was ich verändern möchte. Wenn ich anerkenne, dass ich verletzt bin, müsste ich diese Verletzlichkeit vielleicht zulassen. Wenn ich erkenne, dass eine Entscheidung aus Angst entstanden ist, kann ich mich nicht mehr so leicht hinter Vernunft verstecken. Die kleine Selbsttäuschung schafft für einen Moment Ruhe. Sie schiebt die unangenehme Wahrheit ein Stück weiter weg und erlaubt mir, mein gewohntes Bild von mir selbst aufrechtzuerhalten. Das funktioniert erstaunlich gut, solange ich nicht zu genau hinsehe.

Besonders spannend finde ich, wie eng Selbsttäuschung mit unserem Selbstbild verbunden ist. Wir möchten uns gern als konsequent, ehrlich, frei, vernünftig oder unabhängig erleben. Wenn unser Verhalten nicht dazu passt, entsteht eine Spannung. Dann verändern wir nicht immer unser Verhalten. Häufig verändern wir zuerst die Geschichte darüber. Ich kenne das von mir selbst. Ich kann einer Handlung im Nachhinein eine Bedeutung geben, die besser zu dem Menschen passt, für den ich mich halte. So entsteht eine innere Logik, in der fast alles erklärbar wird. Das bedeutet nicht, dass wir ständig bewusst Geschichten erfinden. Vieles geschieht so schnell und selbstverständlich, dass wir den Vorgang kaum bemerken. Aus einer Erklärung wird eine Gewohnheit, aus einer Gewohnheit eine Überzeugung und irgendwann erscheint uns unsere eigene Deutung wie die einzig mögliche Wahrheit.

Dabei habe ich gelernt, dass Ehrlichkeit mit mir selbst nicht immer angenehm ist. Sie fühlt sich nicht automatisch befreiend oder klar an. Es gibt Momente, in denen sie mir eher etwas wegnimmt: eine Ausrede, eine bequeme Rolle oder eine vertraute Erklärung. Ich nehme mich dann nicht zwangsläufig besser wahr, sondern zunächst nur unverstellter. Das kann bedeuten zu erkennen, dass ich neidisch bin, obwohl ich mich für großzügig halte. Dass ich Anerkennung suche, obwohl ich gern unabhängig wirken möchte. Dass ich an etwas festhalte, das längst vorbei ist. Solche Erkenntnisse gefallen mir nicht immer. Aber ich empfinde sie inzwischen als ehrlicher als den Versuch, mich ständig in ein schönes Bild von mir selbst hineinzudenken.

Genau aus dieser Auseinandersetzung ist auch vieles entstanden, was ich in „Ich – Deine beste Lügnerin“ beschreibe. Mich hat weniger die offensichtliche Lüge interessiert als jene feine innere Stimme, die uns täglich Geschichten liefert, mit denen wir unser Verhalten erklären. Sie sagt nicht: „Ich täusche dich.“ Sie sagt: „Das ist eben vernünftig.“ Sie sagt: „Du kannst gerade nichts ändern.“ Oder: „Es ist dir ohnehin nicht so wichtig.“ Gerade deshalb ist sie so überzeugend. Für mich wurde irgendwann deutlich, dass Selbstmanipulation nicht nur in großen Lebensentscheidungen steckt. Sie beginnt oft in den kleinen Sätzen, die wir uns so häufig erzählen, dass wir vergessen haben, sie überhaupt noch zu hinterfragen.

Mit der Zeit hat sich mein Blick darauf verändert. Ich versuche nicht mehr, jede kleine Selbsttäuschung sofort zu entlarven oder mich für sie zu verurteilen. Das würde nur eine neue Form von Kontrolle schaffen. Interessanter finde ich den Moment, in dem eine Begründung plötzlich nicht mehr ganz stimmig klingt. Diesen winzigen Riss in der eigenen Geschichte. Oft ist dort schon etwas zu spüren, bevor ich es klar benennen kann. Ein leichtes Unbehagen, ein Widerstand, ein inneres Wissen, das nicht zu dem passt, was ich mir gerade erkläre. Für mich sind solche Augenblicke wertvoll, weil sie zeigen, dass unter unseren vertrauten Geschichten noch etwas anderes vorhanden ist.

Heute denke ich deshalb bei kleinen Ausreden nicht sofort daran, dass ich unehrlich mit mir bin. Ich frage mich eher, wovor mich diese Erklärung gerade schützt. Nicht immer finde ich darauf eine Antwort. Und nicht jede Antwort verändert sofort etwas. Doch manchmal reicht schon dieser kurze Moment, in dem die gewohnte Geschichte nicht mehr vollständig trägt. Dann wird aus einem scheinbar harmlosen Satz plötzlich eine Tür. Dahinter wartet keine perfekte Wahrheit über mich selbst, sondern nur etwas Echtes, das vorher keinen Platz hatte.



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