Ein alter Zauber

Zur Quelle des Lebens zurückzukehren

Ein alter Zauber

„Um in den Wassern des Lebens zu Baden,
und das was menschlich ist abzuwaschen,
komme ich in Selbstauslöschung,
und der Größe von Inspiration.“


Es gibt Worte, die ich nicht sofort verstehen möchte. Ich lasse sie lieber eine Zeit lang in mir liegen, weil ich spüre, dass ihre Bedeutung größer wird, wenn ich sie nicht zu schnell erkläre. Die vier Zeilen „Um in den Wassern des Lebens zu baden, und das was menschlich ist abzuwaschen, komme ich in Selbstauslöschung, und der Größe von Inspiration“ gehören für mich zu solchen Worten. Ich lese darin keine Aufforderung, dem Menschsein zu entkommen oder sich selbst aufzugeben. Eher entdecke ich darin einen inneren Weg vom Festhalten zum Loslassen, vom begrenzten Bild meiner selbst hin zu einem Augenblick, in dem etwas Größeres durch mich hindurchscheinen darf. Jede dieser Zeilen berührt für mich eine andere Schicht dieses Weges.

„Um in den Wassern des Lebens zu baden“

Wenn ich von den Wassern des Lebens lese, denke ich nicht zuerst an etwas Jenseitiges oder Unerreichbares. Ich denke an das Leben selbst, bevor ich es in richtig und falsch, gelungen und misslungen, wichtig und unwichtig aufteile. Wasser hat für mich etwas Besonderes, weil es sich nicht festhalten lässt und doch alles berührt. Es nimmt die Form dessen an, was es umgibt, ohne seine eigene Natur zu verlieren. Vielleicht spricht mich dieses Bild deshalb so an. Im Wasser des Lebens zu baden bedeutet für mich, mich dem Leben wieder unmittelbarer auszusetzen, nicht nur darüber nachzudenken, es zu bewerten oder es aus sicherer Entfernung zu beobachten. Es bedeutet, mich hineinzugeben in das, was gerade da ist, auch wenn ich nicht alles kontrollieren kann.

Ich habe für mich erfahren, dass ich mich vom Leben entfernen kann, obwohl ich mitten darin stehe. Das geschieht nicht dadurch, dass ich weniger erlebe, sondern dadurch, dass ich vieles nur noch durch meine Vorstellungen erlebe. Ein Gespräch wird sofort eingeordnet, eine Begegnung bewertet, eine Erfahrung mit früheren Erfahrungen verglichen. Der Kopf ist schnell darin, aus etwas Lebendigem etwas Bekanntes zu machen. In den Wassern des Lebens zu baden heißt für mich deshalb auch, für einen Moment nicht alles bereits zu kennen. Wieder etwas an mich heranzulassen, bevor ich entscheide, was es bedeutet. So wie Wasser die Haut berührt, bevor ich darüber nachdenke, ob es warm oder kalt genug ist, kann auch das Leben mich erreichen, bevor mein Denken daraus eine Geschichte macht.

„und das was menschlich ist abzuwaschen“

Diese Zeile hat mich zunächst am meisten beschäftigt, weil ich mein Menschsein nicht als etwas empfinde, das gereinigt oder überwunden werden müsste. Ich möchte meine Gefühle, meine Fehler, meine Bedürfnisse und meine Begrenztheit nicht abwaschen, als wären sie etwas Unreines. Gerade sie gehören zu meinem Leben. Deshalb verstehe ich „das was menschlich ist“ an dieser Stelle anders. Für mich sind es jene Schichten, die wir im Laufe unseres Lebens ansammeln und irgendwann mit unserem eigentlichen Wesen verwechseln. Rollen, Erwartungen, Urteile, Ängste, Vergleiche, der Wunsch nach Anerkennung und die Vorstellung, ständig jemand Bestimmtes sein zu müssen.

Ich kenne dieses Gewicht gut. Es entsteht kaum merklich. Ich trage eine Erfahrung mit mir, dann eine Meinung über diese Erfahrung, später eine Vorstellung darüber, was sie über mich aussagt. Andere Menschen spiegeln mir etwas, und ich beginne, mich durch ihre Augen zu sehen. So legt sich Schicht auf Schicht. Nach außen bleibt derselbe Mensch sichtbar, doch innen kann die Verbindung zu etwas Einfacherem immer leiser werden. Wenn ich in diesem Zusammenhang vom Abwaschen spreche, dann meine ich nicht, das Menschliche loszuwerden. Ich meine das Ablegen dessen, was sich über das unmittelbare Menschsein gelegt hat. Nicht weniger Mensch zu werden, sondern wieder unverstellter Mensch sein zu können.

Vielleicht besteht ein Teil unserer inneren Müdigkeit gerade darin, dass wir so vieles über uns selbst aufrechterhalten. Wir erinnern uns daran, wer wir gestern waren, damit wir heute wieder dieselbe Person sein können. Wir verteidigen Ansichten, Rollen und Geschichten, weil sie uns Orientierung geben. Doch es gibt Augenblicke, in denen ich spüre, wie befreiend es wäre, für einen Moment nichts davon erklären zu müssen. Nicht Autor, nicht Suchender, nicht Wissender, nicht derjenige mit einer bestimmten Vergangenheit. Einfach da. In solchen Momenten fühlt es sich tatsächlich ein wenig an, als würde etwas abgewaschen. Nicht meine Menschlichkeit, sondern das, was ich aus ihr gemacht habe.

„komme ich in Selbstauslöschung“

Das Wort Selbstauslöschung klingt zunächst radikal und für mich wäre es falsch, es als Vernichtung des eigenen Selbst zu verstehen. Ich lese darin keine Ablehnung der eigenen Person und keinen Wunsch, nicht mehr zu existieren. Für mich bezeichnet es vielmehr einen Augenblick, in dem das ständig behauptete Ich leiser wird. Dieses Ich, das bewertet, kontrolliert, vergleicht, festhält und ununterbrochen wissen möchte, welche Bedeutung etwas für mich besitzt. Es verschwindet nicht wirklich. Es tritt nur für einen Moment aus dem Mittelpunkt.

Solche Augenblicke kenne ich. Sie können beim Schreiben entstehen, in der Natur, in einer stillen Wahrnehmung oder während einer Erfahrung, in der ich so vollständig anwesend bin, dass ich mich selbst nicht mehr beobachte. Dann denke ich nicht darüber nach, ob ich gerade glücklich bin, spirituell genug, richtig oder falsch. Das ständige Kommentieren setzt für einen Moment aus. Ich bin noch da, aber ich bin nicht mehr ununterbrochen mit mir beschäftigt. Gerade das empfinde ich als eine besondere Freiheit. Denn ein erstaunlich großer Teil unserer inneren Enge entsteht für mich daraus, dass wir uns ständig selbst betrachten, beurteilen und absichern.

In meiner Beschäftigung mit Reiki und innerer Wahrnehmung habe ich etwas Ähnliches erfahren. Je stärker ich versucht habe, eine bestimmte Erfahrung zu erzeugen, desto mehr stand mein eigenes Wollen zwischen mir und dem, was ich wahrnahm. Wenn dieser Anspruch nachließ, wurde die Erfahrung häufig schlichter und zugleich unmittelbarer. Ich möchte daraus kein allgemeines spirituelles Gesetz machen. Es ist meine persönliche Wahrnehmung. Aber sie hat mich gelehrt, dass das Ich nicht immer verschwinden muss, damit etwas Größeres erfahrbar wird. Es genügt gelegentlich, wenn es aufhört, jeden Raum vollständig auszufüllen.

„und der Größe von Inspiration.“

Inspiration verstehe ich heute nicht mehr nur als jene plötzliche Idee, die einen Text, ein Bild oder ein neues Projekt entstehen lässt. Für mich ist Inspiration etwas Tieferes. Das Wort trägt bereits das Bild des Einatmens in sich, als würde etwas in uns hineinkommen, das vorher nicht vollständig von uns gemacht wurde. Ich kenne beim Schreiben Momente, in denen Gedanken auftauchen, die ich nicht geplant habe. Natürlich entstehen sie aus meinem Wissen, meinen Erfahrungen, Erinnerungen und all dem, was mein Gehirn verarbeitet hat. Trotzdem fühlt sich der Augenblick ihres Erscheinens anders an als bewusstes Konstruieren. Ich habe dann nicht das Gefühl, etwas mit Gewalt herstellen zu müssen. Eher entsteht etwas und ich bin anwesend genug, um es wahrzunehmen.

Vielleicht liegt die Größe der Inspiration für mich genau darin, dass sie nicht vollständig kontrollierbar ist. Sie kommt nicht immer dann, wenn ich sie brauche, und sie lässt sich nicht zuverlässig erzwingen. Ich kann Bedingungen schaffen, in denen ich offener werde, doch ich kann den eigentlichen Funken nicht befehlen. Das verbindet diese letzte Zeile für mich mit den drei vorhergehenden. Solange ich das Leben nur kontrollieren möchte, solange ich meine Rollen festhalte und mein eigenes Ich jeden Augenblick kommentiert, bleibt wenig Raum für etwas, das nicht bereits geplant wurde. Wenn diese Schichten für einen Moment leiser werden, kann etwas Unerwartetes eintreten. Eine Idee, eine Wahrnehmung, ein Gefühl von Weite oder eine neue Sicht auf etwas, das ich hundertmal betrachtet habe.

Darin erkenne ich auch etwas von dem wieder, was mich beim Schreiben von „New Reiki – Zurück zum Ursprung“ begleitet hat. Ursprung bedeutet für mich nicht, etwas Menschliches hinter mir zu lassen oder mich in einer spirituellen Vorstellung aufzulösen. Es bedeutet eher, wieder näher an jene unmittelbare Wahrnehmung heranzukommen, bevor alles von Erklärungen, Erwartungen und festen Bildern überlagert wird. Ich habe für mich erfahren, dass gerade dort eine andere Form von Inspiration entstehen kann. Nicht weil ich plötzlich Zugang zu einer allwissenden Quelle hätte, sondern weil weniger von mir selbst zwischen mir und meiner Wahrnehmung steht.

Wenn ich die vier Zeilen heute als Ganzes lese, sehe ich deshalb keinen Weg fort vom Menschsein. Ich sehe einen Weg tiefer hinein. Ich trete in das Leben, lasse für einen Augenblick die Vorstellungen los, die ich über mich trage, werde still genug, um mich selbst nicht ständig in den Mittelpunkt zu stellen, und entdecke dort einen Raum, in dem Neues entstehen kann. Vielleicht ist das die eigentliche Selbstauslöschung, die mich daran berührt: nicht zu verschwinden, sondern für einen Moment aufzuhören, mich festzuhalten. Und vielleicht beginnt Inspiration genau dort, wo ich nicht mehr versuche, größer zu werden, sondern weit genug werde, damit etwas durch mich hindurchleben darf.

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