Die Illusion der Kontrolle

Warum wir glauben, alles steuern zu müssen

Die Illusion der Kontrolle

Ich erinnere mich an Situationen, in denen ich glaubte, alles gut im Griff zu haben. Termine waren geplant, Entscheidungen durchdacht, mögliche Schwierigkeiten bereits im Kopf durchgespielt. Ich wusste, was als Nächstes geschehen sollte, und hatte für vieles bereits eine Antwort, bevor überhaupt eine Frage entstand. Dieses Gefühl konnte sehr beruhigend sein. Es vermittelte mir Ordnung in einer Welt, die sich nicht immer ordentlich verhält. Und trotzdem reichte manchmal eine einzige unerwartete Nachricht, eine Reaktion eines anderen Menschen oder eine Entwicklung, mit der ich nicht gerechnet hatte, und das sorgfältig aufgebaute Gefühl von Sicherheit begann innerhalb weniger Minuten zu bröckeln. Solche Momente haben mir im Laufe meines Lebens immer wieder gezeigt, wie leicht ich Kontrolle mit Sicherheit verwechselt habe.

Kontrolle an sich empfinde ich nicht als etwas Schlechtes. Wir brauchen sie in vielen Bereichen unseres Lebens. Ich möchte entscheiden können, wie ich mit meiner Zeit umgehe, wem ich vertraue, welche Verpflichtungen ich eingehe und welche Richtung ich meinem Leben gebe. Ohne ein gewisses Maß an Planung und Verantwortung würden wir uns wahrscheinlich ständig dem Zufall überlassen. Schwieriger wird es für mich dort, wo aus dieser gesunden Gestaltung der Wunsch entsteht, auch das kontrollieren zu wollen, was sich grundsätzlich nicht kontrollieren lässt. Wie andere Menschen reagieren. Ob eine Beziehung bestehen bleibt. Ob eine Entscheidung genau die Folgen hat, die ich erwartet habe. Ob mein Körper sich immer so verhält, wie ich es wünsche. Ob eine Arbeit gelingt. Ob ein Mensch mich versteht. Ob das Leben meine Pläne überhaupt zur Kenntnis nimmt.

Ich habe lange unterschätzt, wie viel Energie darin verloren gehen kann, Ungewissheit vermeiden zu wollen. Der Kopf ist darin erstaunlich erfinderisch. Er plant Gespräche, die noch gar nicht stattgefunden haben. Er entwirft Antworten auf mögliche Kritik, berechnet Risiken, interpretiert Zeichen und versucht aus wenigen Informationen vorherzusagen, wie sich eine Situation entwickeln wird. Das kann sich nach Verantwortungsbewusstsein anfühlen, obwohl ich mich innerlich längst mit Dingen beschäftige, die noch gar nicht existieren. Ich löse Probleme, die vielleicht niemals auftreten werden, und versuche gleichzeitig, mich auf jede denkbare Möglichkeit vorzubereiten. Was dabei leicht verloren geht, ist ausgerechnet der einzige Augenblick, auf den ich tatsächlich Einfluss habe: der, in dem ich gerade lebe.

Besonders deutlich erkenne ich diesen Wunsch nach Kontrolle in Beziehungen zu anderen Menschen. Dort stoße ich zwangsläufig an eine Grenze. Ich kann ehrlich sein, zuhören, mich erklären, Nähe zulassen und Verantwortung für mein Verhalten übernehmen. Aber ich kann nicht bestimmen, was ein anderer Mensch daraus macht. Ich kann nicht erzwingen, dass er mich versteht, dass er bleibt, dass er ebenso fühlt oder dieselben Dinge für wichtig hält wie ich. Trotzdem habe ich auch bei mir erlebt, wie schnell der Versuch entstehen kann, durch Worte, Rücksicht, Anpassung oder vorausgedachte Reaktionen ein bestimmtes Ergebnis herzustellen. Nicht aus böser Absicht, sondern weil Offenheit verletzlich macht. Wenn ich das Ergebnis beeinflussen kann, muss ich mich weniger dem aussetzen, was geschieht, wenn der andere frei entscheidet.

Vielleicht liegt darin für mich einer der tiefsten Gründe unseres Kontrollbedürfnisses. Kontrolle schützt nicht nur vor Chaos. Sie schützt uns auch vor dem Gefühl, machtlos zu sein. Es ist schwer auszuhalten, dass etwas wichtig sein kann und dennoch nicht vollständig in unseren Händen liegt. Gerade dort, wo uns etwas viel bedeutet, möchten wir besonders gern Gewissheit haben. Wir wollen wissen, dass unsere Liebe erwidert wird, unsere Entscheidung richtig ist, unser Weg funktioniert und unsere Mühe sich lohnt. Doch das Leben unterschreibt uns solche Verträge nicht. Es lässt sich nicht auf eine Vereinbarung ein, in der wir festlegen, was wir investieren und was wir dafür zurückbekommen. Diese Erkenntnis kann zunächst beunruhigend sein. Für mich wurde sie mit der Zeit aber auch befreiend, weil ich nicht mehr jede unerwartete Wendung als Zeichen dafür betrachten musste, dass ich falsch geplant oder versagt hatte.

In meiner Beschäftigung mit innerer Wahrnehmung habe ich noch etwas anderes bemerkt. Je stärker ich eine Erfahrung kontrollieren möchte, desto schwieriger wird es häufig, sie wirklich wahrzunehmen. Das kenne ich auch aus meiner Arbeit mit Reiki und aus stillen Momenten, in denen ich bewusst nach innen gehe. Wenn ich unbedingt etwas Bestimmtes spüren möchte, suche ich innerlich bereits nach dem erwarteten Ergebnis. Dann wird aus Wahrnehmung schnell Prüfung. Ist da genug? Ist es richtig? Sollte es stärker sein? Für mich fühlt sich wirkliche Wahrnehmung anders an. Sie entsteht eher dort, wo ich für einen Moment nicht festlege, was geschehen soll. Das bedeutet für mich nicht, mich allem passiv auszuliefern. Es bedeutet nur, zwischen meinem Einfluss und meinem Wunsch nach Kontrolle unterscheiden zu lernen.

Diese Grenze ist nicht immer angenehm. Ich kann Entscheidungen treffen, aber ihre Folgen nicht vollständig bestimmen. Ich kann mich um meinen Körper kümmern, aber keine Garantie auf Gesundheit erwerben. Ich kann ein Buch schreiben, doch nicht festlegen, wie jeder Leser es aufnehmen wird. Ich kann einem Menschen die Wahrheit sagen, ohne kontrollieren zu können, was sie in ihm auslöst. Je länger ich darüber nachdenke, desto deutlicher wird mir, dass ein erstaunlich großer Teil unseres Lebens genau in diesem Zwischenraum stattfindet. Wir wirken auf etwas ein und müssen zugleich zulassen, dass es sich danach unserer vollständigen Verfügung entzieht. Vielleicht entsteht Reife nicht daraus, immer mehr Kontrolle zu gewinnen, sondern daraus, diesen Zwischenraum auszuhalten, ohne sofort wieder nach einem neuen Hebel zu suchen.

An diesem Punkt berührt das Thema für mich auch „Ich – Deine beste Lügnerin“. In diesem Buch geht es um die feinen Geschichten, mit denen wir uns selbst erklären, weshalb unser Denken und Handeln vernünftig, notwendig oder alternativlos sei. Auch Kontrolle kann sich hinter solchen Geschichten verstecken. Ich kann mir sagen, dass ich nur vorausschauend bin, obwohl ich in Wahrheit Angst vor einer offenen Situation habe. Ich kann Fürsorge nennen, was längst der Versuch geworden ist, einen anderen Menschen vor einer Entscheidung zu bewahren, die mir nicht gefällt. Ich kann Ordnung schaffen und dabei übersehen, dass ich eigentlich versuche, Unsicherheit aus meinem Leben zu entfernen. Gerade diese Formen finde ich so interessant, weil sie nicht wie Selbsttäuschung aussehen. Sie fühlen sich oft ausgesprochen vernünftig an.

Heute gibt mir der Gedanke, nicht alles kontrollieren zu können, weniger Angst als früher. Nicht weil ich gelernt hätte, alles einfach geschehen zu lassen, sondern weil ich deutlicher zwischen dem unterscheiden kann, was tatsächlich bei mir liegt, und dem, was nie bei mir lag. Ich kann präsent sein. Ich kann entscheiden. Ich kann handeln, reagieren, meine Haltung verändern und Verantwortung übernehmen. Aber irgendwo danach beginnt ein Bereich, in dem das Leben selbst antwortet. Dort helfen keine zusätzlichen Gedankenschleifen und keine noch so genaue Planung. Und manchmal empfinde ich es inzwischen sogar als etwas Beruhigendes, dass nicht alles von mir abhängt. Es nimmt meinem Leben nichts von seiner Bedeutung. Es gibt ihm etwas zurück, das Kontrolle niemals erzeugen könnte: die Möglichkeit, mich noch überraschen zu lassen.


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