Es gibt Zeiten, in denen sich das Außen ganz von selbst zurückzieht. Nicht, weil das Leben plötzlich leicht oder überschaubar geworden ist, sondern weil etwas in mir müde geworden ist vom Suchen. Müde vom Fragen, vom Deuten, vom ständigen Versuch, dem eigenen Weg einen Namen zu geben. In diesen Zeiten tritt Stille nicht als Abwesenheit auf, sondern als eine gegenwärtige Kraft. Sie füllt den Raum, ohne sich aufzudrängen, und lässt etwas hörbar werden, das lange unter der Oberfläche gewartet hat.
Lange glaubte ich, Spiritualität müsse sich zeigen. In Erkenntnissen, in inneren Bildern, in Momenten von Klarheit oder Licht. Ich suchte nach Zeichen, nach Bestätigung, nach dem Gefühl, auf dem richtigen Weg zu sein. Doch je weiter ich ging, desto leiser wurde dieser Anspruch. Der Weg öffnete sich nicht dort, wo ich etwas fand, sondern dort, wo ich nichts mehr festhalten wollte. Stille wurde für mich zu einem Übergang — nicht zu etwas Höherem, sondern tiefer in das, was immer schon da war.
Wenn ich still werde, begegne ich nicht sofort Frieden. Zuerst begegnet mir mein eigenes Inneres, ungefiltert und ehrlich. Gedanken steigen auf wie alte Stimmen, vertraut und doch fremd. Erinnerungen zeigen sich, Zweifel, Unsicherheiten, manchmal auch eine tiefe Unruhe. Früher wollte ich das ordnen, verstehen oder überwinden. Heute weiß ich: Genau hier beginnt Nähe. Nähe zu mir selbst, zu dem, was gesehen werden möchte, ohne verändert zu werden.
Stille hat mich gelehrt, nicht wegzugehen. Nicht vor dem Unklaren, nicht vor dem Unangenehmen, nicht vor mir selbst. Sie fordert keine Antworten und gibt keine Anweisungen. Sie lädt ein — in ein Bleiben, in ein Dasein ohne Ziel. In diesem Bleiben verliert der Wunsch, jemand anderes zu sein, langsam seine Kraft. Etwas Weiches tritt an seine Stelle, etwas, das nicht erklärt werden muss.
Im Alltag zeigt sich dieser Raum oft unscheinbar. In einem Atemzug, der tiefer sinkt als gedacht. In einem Moment, in dem ich nicht reagiere, sondern wahrnehme. In einem Schritt, der langsamer wird, ohne dass ich ihn bewusst bremse. Diese kleinen Übergänge tragen eine stille Weisheit in sich. Sie erinnern mich daran, dass Verbindung nicht hergestellt werden muss — sie ist bereits da.
Vielleicht ist Stille deshalb so machtvoll, weil sie nichts verlangt. Sie will nichts von mir, sie erwartet nichts. Sie bleibt. Und in diesem Bleiben öffnet sich etwas, das jenseits von Worten liegt. Eine Erinnerung ohne Geschichte. Ein Wissen ohne Form.
Manchmal beginnt der tiefste Wandel nicht mit einer Entscheidung oder einer Erkenntnis. Manchmal beginnt er mit dem leisen Mut, der Stille zu vertrauen — und ihr zu erlauben, zu sprechen.

