Warum wir manchmal fliehen

by | Mai 9, 2026

Nicht körperlich, sondern innerlich

In den letz­ten Jah­ren ist mir etwas in mir immer deut­li­cher gewor­den, das ich frü­her nur schwer benen­nen konn­te. Es ist die­se eigen­tüm­li­che Form von Rück­zug, die nicht sicht­bar ist und gera­de des­halb so lan­ge unbe­merkt bleibt. Nach außen bin ich wei­ter­hin da, ich spre­che, arbei­te, ant­wor­te, pla­ne und erfül­le, was von mir erwar­tet wird. Und doch gibt es Momen­te, in denen ich spü­re, dass etwas in mir bereits einen Schritt zurück­ge­tre­ten ist. Ich ver­las­se den Raum nicht, ich gehe nicht fort, und den­noch bin ich inner­lich nicht mehr voll­stän­dig anwe­send. Die­se Erkennt­nis hat mei­nen Blick auf mich selbst ver­än­dert, weil ich heu­te deut­li­cher sehe, dass Flucht nicht immer bedeu­tet, sich kör­per­lich zu ent­fer­nen. Manch­mal geschieht sie viel lei­ser, viel tie­fer und viel näher an dem, was ich täg­lich lebe.

Frü­her hät­te ich sol­che Zustän­de wahr­schein­lich nur mit Müdig­keit oder Über­for­de­rung erklärt. Ich hät­te ange­nom­men, dass ich ein­fach erschöpft bin oder dass mir eine Pau­se fehlt. Heu­te erken­ne ich dar­in etwas Fei­ne­res und zugleich Wesent­li­che­res. Ich begin­ne zu ver­ste­hen, dass ich inner­lich oft genau dann aus­wei­che, wenn etwas in mir zu nah wird. Ein Gefühl, das ich nicht sofort hal­ten kann. Eine Wahr­heit, die ich zwar spü­re, aber noch nicht ganz aus­spre­chen möch­te. Eine inne­re Span­nung, die sich nicht mit einem schnel­len Gedan­ken lösen lässt. In sol­chen Momen­ten flieht mein Kör­per nicht, aber mei­ne Prä­senz wird schwä­cher. Ich bin dann noch da, doch nicht mehr in der­sel­ben Tie­fe, nicht mehr in der­sel­ben Wahr­haf­tig­keit.

Was mich dar­an beson­ders berührt, ist die Erkennt­nis, wie unschein­bar die­se inne­re Flucht oft beginnt. Sie kün­digt sich sel­ten dra­ma­tisch an. Es gibt kei­nen gro­ßen Bruch, kein offen­sicht­li­ches Signal, das mich sofort wach­rüt­telt. Viel­mehr zeigt sie sich in klei­nen Bewe­gun­gen. Ich begin­ne, über etwas zu reden, statt es zu füh­len. Ich erklä­re mir selbst, war­um etwas nicht so wich­tig ist, obwohl ich tief in mir mer­ke, dass es mich beschäf­tigt. Ich len­ke mich mit Gedan­ken, Auf­ga­ben oder Gesprä­chen ab, obwohl es in Wahr­heit gera­de Stil­le bräuch­te. Genau in die­ser Unauf­fäl­lig­keit liegt ihre Kraft. Weil sie so still geschieht, kann ich lan­ge glau­ben, noch ganz bei mir zu sein, obwohl ich mich inner­lich längst ein Stück ent­fernt habe.

Mit der Zeit wur­de mir klar, dass die­se Form von Flucht oft gar nichts mit Schwä­che zu tun hat. Sie ist viel­mehr ein Schutz­me­cha­nis­mus, der sich in mir gebil­det hat, lan­ge bevor ich ihn bewusst wahr­neh­men konn­te. Etwas in mir ver­sucht, Distanz zu schaf­fen zu dem, was zu tief, zu unsi­cher oder zu schmerz­haft erscheint. Wenn eine Erfah­rung mich in Berüh­rung bringt mit Trau­rig­keit, Lee­re, Hilf­lo­sig­keit oder einer alten Ver­letz­lich­keit, dann will ich nicht unbe­dingt weg­lau­fen, aber ich will oft auch nicht ganz dar­in blei­ben. Ich bewe­ge mich dann lie­ber in Gedan­ken als in Gefüh­len. Ich suche eher eine Erklä­rung als einen ehr­li­chen Kon­takt. Die­se Erkennt­nis war für mich wich­tig, weil sie mir gezeigt hat, dass mei­ne inne­re Flucht nicht gegen mich arbei­tet. Sie will mich schüt­zen. Und gera­de des­halb darf ich ihr mit mehr Ver­ständ­nis begeg­nen.

Den­noch hat die­se Schutz­be­we­gung ihren Preis. Denn jedes Mal, wenn ich inner­lich aus­wei­che, ent­fer­ne ich mich nicht nur von einem unan­ge­neh­men Gefühl, son­dern auch von mei­nem eige­nen Erle­ben. Ich ver­lie­re dann den unmit­tel­ba­ren Kon­takt zu dem, was in mir wirk­lich da ist. Das bedeu­tet, dass ich nicht nur dem Schmerz aus dem Weg gehe, son­dern auch der Wahr­heit, die in ihm ver­bor­gen sein könn­te. Ich begin­ne dann zu funk­tio­nie­ren, statt zu spü­ren. Ich reagie­re, statt wirk­lich zu begeg­nen. Und ich mer­ke heu­te viel deut­li­cher, wie erschöp­fend das auf Dau­er ist. Denn inne­re Flucht mag im ers­ten Moment ent­las­ten, doch sie hin­ter­lässt oft eine fei­ne Lee­re. Eine Distanz zu mir selbst, die nicht laut ist, aber spür­bar bleibt.

Eine mei­ner tiefs­ten Erkennt­nis­se war, dass ich beson­ders dann inner­lich flie­he, wenn ich glau­be, stark sein zu müs­sen. In Zei­ten, in denen ich das Gefühl habe, funk­tio­nie­ren zu sol­len, klar blei­ben zu müs­sen oder kei­ne Schwä­che zei­gen zu dür­fen, wird mein inne­rer Raum enger. Dann gebe ich bestimm­ten Gefüh­len weni­ger Platz, weil sie nicht in das Bild pas­sen, das ich von mir selbst auf­recht­erhal­ten möch­te. Ich habe lan­ge nicht bemerkt, wie sehr gera­de die­ser Anspruch mich von mir ent­fernt. Heu­te sehe ich kla­rer, dass Stär­ke nicht dar­in liegt, nichts zu füh­len oder alles sofort im Griff zu haben. Ech­te Stär­ke beginnt für mich dort, wo ich auf­hö­re, vor mei­nem eige­nen Erle­ben davon­zu­lau­fen.

Spi­ri­tu­ell betrach­tet ver­ste­he ich die­se inne­re Flucht inzwi­schen auch als eine Ent­fer­nung von Gegen­wart. Solan­ge ich aus­wei­che, bin ich nicht wirk­lich in dem Moment, den ich gera­de erle­be. Ich lebe dann mehr in mei­nen Gedan­ken über das, was ist, als in der wirk­li­chen Berüh­rung mit ihm. Ich inter­pre­tie­re, ord­ne ein, len­ke mich ab oder war­te unbe­wusst dar­auf, dass das Unan­ge­neh­me vor­über­geht. Doch Gegen­wart ver­langt etwas ande­res von mir. Sie ver­langt nicht Per­fek­ti­on, son­dern Bereit­schaft. Die Bereit­schaft, dazu­blei­ben. Nicht alles sofort ver­än­dern zu müs­sen. Nicht alles gleich ver­ste­hen zu müs­sen. Son­dern mich dem zuzu­wen­den, was gera­de in mir lebt, auch wenn es still, unge­ord­net oder unbe­quem ist.

Die­se Ein­sicht hat mei­ne Hal­tung zu mir selbst ver­än­dert. Frü­her habe ich mich oft dafür kri­ti­siert, wenn ich gemerkt habe, dass ich inner­lich nicht ganz anwe­send bin. Ich woll­te bewuss­ter sein, tie­fer, ehr­li­cher, wacher. Heu­te weiß ich, dass Här­te mich nicht näher zu mir bringt. Wenn ich mei­ne Flucht­be­we­gun­gen nur ver­ur­tei­le, ent­steht eine neue Span­nung, und auch die­se ent­fernt mich wie­der von mir. Was mir wirk­lich hilft, ist ein ande­rer Blick. Ein stil­les Erken­nen. Ein Inne­hal­ten ohne Urteil. Die Fra­ge, wovor ich gera­de eigent­lich zurück­wei­che. Was in mir so nah gewor­den ist, dass ich lie­ber in die Distanz gehe. Die­se Fra­gen sind nicht immer leicht, aber sie öff­nen einen Raum, in dem ich mir selbst wie­der ehr­li­cher begeg­nen kann.

Ich habe auch gelernt, dass Rück­kehr sel­ten dra­ma­tisch beginnt. Sie geschieht meist in ein­fa­chen Momen­ten. In einem bewuss­ten Atem­zug. In einem ehr­li­chen Satz, den ich mir selbst ein­ge­ste­he. In dem Mut, ein Gefühl nicht sofort weg­zu­er­klä­ren. In einer klei­nen Pau­se, in der ich nicht schon wie­der nach außen grei­fe, son­dern nach innen lau­sche. Die­se Bewe­gun­gen wir­ken unschein­bar, und doch tra­gen sie eine gro­ße Kraft in sich. Sie holen mich nicht mit Gewalt zurück, son­dern mit Sanft­heit. Und viel­leicht ist genau das ent­schei­dend. Inne­re Flucht endet für mich nicht durch Kon­trol­le, son­dern durch eine Form von stil­ler Zuwen­dung.

Was ich heu­te immer deut­li­cher erken­ne, ist, dass ich nicht vor dem Leben selbst flie­he, son­dern vor bestimm­ten inne­ren Erfah­run­gen, die das Leben in mir aus­löst. Die­se Unter­schei­dung ist für mich wesent­lich. Denn sie zeigt mir, dass ich mein Außen nicht stän­dig ver­än­dern muss, um bei mir anzu­kom­men. Oft geht es nicht dar­um, einer Situa­ti­on zu ent­kom­men, son­dern dar­um, mich dem zuzu­wen­den, was die­se Situa­ti­on in mir berührt. Wenn ich das ver­ste­he, ver­schiebt sich etwas Grund­le­gen­des. Dann wird mei­ne Auf­merk­sam­keit ehr­li­cher. Ich fra­ge nicht mehr nur, was um mich her­um falsch oder zu viel ist, son­dern auch, was in mir gera­de gese­hen wer­den will.

Mit der Zeit begin­ne ich des­halb, mei­ne inne­re Flucht nicht mehr nur als Pro­blem zu sehen, son­dern auch als Hin­weis. Sie zeigt mir, wo ich mich selbst noch nicht ganz hal­ten kann. Sie macht sicht­bar, wel­che Gefüh­le ich noch immer lie­ber umge­he, statt ihnen zu ver­trau­en. Sie führt mich an jene Stel­len in mir, an denen ich mehr Mit­ge­fühl brau­che, mehr Wahr­haf­tig­keit und mehr Bereit­schaft, nicht sofort etwas lösen zu wol­len. Dadurch ver­liert sie etwas von ihrem bedroh­li­chen Cha­rak­ter. Sie bleibt ein erns­tes The­ma, aber sie wird ver­ständ­li­cher. Und in die­ser Ver­ständ­lich­keit ent­steht mehr Frie­den.

Viel­leicht ist das eine der wich­tigs­ten Erfah­run­gen, die ich damit gemacht habe. Ich muss mich nicht dafür schä­men, dass ich manch­mal inner­lich flie­he. Ich darf es erken­nen. Ich darf ver­ste­hen, was mich dazu bringt. Und ich darf ler­nen, immer frü­her zu bemer­ken, wenn mei­ne Prä­senz schwä­cher wird. Nicht, um mich zu kon­trol­lie­ren, son­dern um mich nicht wie­der zu ver­lie­ren. Je bewuss­ter ich die­se lei­sen Bewe­gun­gen in mir wahr­neh­me, des­to sanf­ter wird mei­ne Rück­kehr. Ich muss mich nicht zwin­gen, voll­kom­men anwe­send zu sein. Es genügt oft, wie­der ehr­lich zu wer­den.

Am Ende bleibt für mich eine stil­le Wahr­heit. Hei­lung beginnt nicht immer dort, wo ich stark bin, son­dern oft genau dort, wo ich auf­hö­re, inner­lich aus­zu­wei­chen. Nicht weil dann alles sofort klar wird, son­dern weil ich mich dem zuwen­de, was in mir wirk­lich lebt. In die­ser Zuwen­dung liegt etwas sehr Ech­tes. Etwas, das nicht laut ist, aber trägt. Und viel­leicht liegt genau dar­in der Unter­schied zwi­schen Flucht und Rück­kehr. Die Flucht trennt mich für einen Moment von mir. Die Rück­kehr beginnt in dem Augen­blick, in dem ich bereit bin, wie­der bei mir zu blei­ben.

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Stefan Galbavi

Spiritualität, die verbindet und erdet.
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