Warum Stille uns manchmal Angst macht

by | Apr 8, 2026

Was pas­siert, wenn wir wirk­lich zur Ruhe kom­men

In letz­ter Zeit begin­ne ich etwas in mir wahr­zu­neh­men, das mir lan­ge nicht bewusst war. Es zeigt sich immer dann, wenn es still wird. Wenn kei­ne Ablen­kung mehr da ist, kei­ne Auf­ga­be, kein Geräusch, das mei­ne Auf­merk­sam­keit bin­det. In die­sen Momen­ten ent­steht nicht nur Ruhe, son­dern auch etwas ande­res. Eine fei­ne Unru­he, die ich frü­her kaum bemerkt habe.

Ich habe lan­ge geglaubt, dass ich mir mehr Stil­le wün­sche. Dass ich Ruhe brau­che, um bei mir anzu­kom­men. Doch je öfter ich bewusst inne­hal­te, des­to deut­li­cher wird mir, dass Stil­le nicht nur ent­span­nend ist. Sie kann auch her­aus­for­dernd sein. Denn in der Stil­le fällt alles weg, wor­an ich mich sonst ori­en­tie­re. Es bleibt nichts, wor­an ich mich fest­hal­ten kann außer dem, was in mir selbst auf­taucht.

Wenn ich mich nicht mehr ablen­ke, begin­ne ich mich deut­li­cher zu spü­ren. Gedan­ken wer­den kla­rer, Gefüh­le tre­ten stär­ker her­vor und inne­re Span­nun­gen zei­gen sich ohne Fil­ter. Was im All­tag oft über­deckt wird, tritt in der Ruhe an die Ober­flä­che. Genau dar­in liegt für mich der Grund, war­um Stil­le manch­mal unan­ge­nehm ist. Sie kon­fron­tiert mich mit mir selbst.

Ich erken­ne, dass ich mich oft nicht bewusst gegen die Stil­le ent­schei­de, son­dern dass ich sie unbe­wusst ver­mei­de. Ich grei­fe zum Han­dy, begin­ne etwas zu tun oder ver­lie­re mich in Gedan­ken, ohne es zu mer­ken. Die­se Bewe­gun­gen erschei­nen mir selbst­ver­ständ­lich, doch wenn ich genau­er hin­schaue, wir­ken sie wie klei­ne Flucht­we­ge. Sie hal­ten mich in Bewe­gung und ver­hin­dern, dass ich ganz bei mir ankom­me.

Je län­ger ich in der Stil­le blei­be, des­to mehr begin­ne ich zu ver­ste­hen, dass es nicht die Stil­le selbst ist, die Angst aus­löst. Es ist das, was in ihr sicht­bar wird. Es sind die unge­klär­ten Gedan­ken, die ver­dräng­ten Gefüh­le und die inne­ren Fra­gen, für die ich im All­tag kei­nen Raum las­se. In der Ruhe ver­lie­ren sie ihre Ver­de­ckung und zei­gen sich in ihrer ursprüng­li­chen Form.

Spi­ri­tu­ell betrach­tet erle­be ich die­se Momen­te als eine Ein­la­dung. Nicht als etwas, das ich ver­mei­den soll­te, son­dern als Mög­lich­keit, tie­fer zu schau­en. Die Stil­le öff­net einen Raum, in dem ich mich nicht mehr über das Außen defi­nie­re. Sie bringt mich in Kon­takt mit einem Teil in mir, der nicht durch Akti­vi­tät ent­steht, son­dern durch Prä­senz.

Ich begin­ne zu erken­nen, dass unter der anfäng­li­chen Unru­he etwas ande­res liegt. Wenn ich nicht sofort reagie­re und die Stil­le zulas­se, ver­än­dert sich ihre Qua­li­tät. Sie wird wei­cher, wei­ter und kla­rer. Gedan­ken ver­lie­ren an Gewicht, Gefüh­le beru­hi­gen sich und es ent­steht eine Form von inne­rer Ruhe, die nicht gemacht ist, son­dern sich von selbst zeigt.

Die­ser Über­gang geschieht nicht abrupt. Er ver­langt Geduld und die Bereit­schaft, nicht sofort etwas ver­än­dern zu wol­len. Anfangs fühlt sich die Stil­le unge­wohnt an, fast leer. Doch wenn ich blei­be, ohne sie zu fül­len, beginnt sie sich anders zu ent­fal­ten. Aus der Unru­he wird ein Raum, in dem ich mich selbst wahr­neh­me, ohne etwas hin­zu­fü­gen zu müs­sen.

Ich mer­ke, dass ich die Stil­le nicht erzwin­gen kann. Sie ent­steht nicht durch Kon­trol­le, son­dern durch das Los­las­sen von Akti­vi­tät. Je mehr ich ver­su­che, sie bewusst her­zu­stel­len, des­to schnel­ler ver­lie­re ich sie wie­der. Doch wenn ich ein­fach auf­hö­re, mich stän­dig zu beschäf­ti­gen, ist sie bereits da.

Mit der Zeit ver­än­der­te sich mei­ne Bezie­hung zu ihr. Was sich frü­her unan­ge­nehm ange­fühlt hat, wird ver­trau­ter. Ich begin­ne, mich in die­ser Ruhe nicht mehr ver­lo­ren zu füh­len, son­dern getra­gen. Es ist, als wür­de ich mich an etwas erin­nern, das immer schon da war, aber lan­ge über­deckt wur­de.

Ich ver­ste­he, dass Stil­le kein Zustand ist, den ich errei­chen muss, son­dern ein Raum, der ent­steht, wenn ich nichts mehr ver­mei­de. Und viel­leicht ist genau das der ent­schei­den­de Punkt. Die Angst vor der Stil­le zeigt mir nicht, dass etwas fehlt, son­dern dass etwas gese­hen wer­den möch­te.

Heu­te begin­ne ich, die­sen Momen­ten anders zu begeg­nen. Ich gehe ihnen nicht mehr auto­ma­tisch aus dem Weg. Statt­des­sen blei­be ich ein wenig län­ger, höre genau­er hin und las­se zu, was sich zeigt. Nicht alles fühlt sich sofort leicht an, doch dar­in liegt eine Ehr­lich­keit, die mich näher zu mir selbst bringt.

Viel­leicht ist Stil­le nicht das Gegen­teil von Bewe­gung. Viel­leicht ist sie der Raum, in dem alles Wesent­li­che erst sicht­bar wird.

Stefan Galbavi

Spiritualität, die verbindet und erdet.
Sie lädt dich ein, nach innen zu gehen und dich zu erinnern.

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