Zwischen dir und dem Ursprung

Warum Trennung nur eine Vorstellung ist

Zwischen dir und dem Ursprung

Wenn ich heute über meinen Weg mit Reiki und Spiritualität nachdenke, erkenne ich, wie selbstverständlich ich lange davon ausging, vom Ursprung getrennt zu sein. Ich hätte es damals vermutlich nicht mit diesen Worten beschrieben, doch mein ganzes Suchen beruhte auf dieser Annahme. Ich glaubte, mich einer Kraft nähern zu müssen, die sich außerhalb meiner unmittelbaren Erfahrung befand. Etwas in mir sehnte sich nach Verbindung, während ich zugleich überzeugt war, diese Verbindung noch nicht vollständig zu besitzen. So entstand ein innerer Widerspruch, den ich lange nicht bemerkte. Ich suchte nach etwas, das mich bereits trug, und hielt gerade diese Suche für den Beweis, dass es mir noch fehlte.

Diese Vorstellung von Trennung beginnt für viele Menschen nicht erst auf einem spirituellen Weg. Sie wächst oft aus den Erfahrungen unseres gewöhnlichen Lebens. Wir lernen früh, uns als eigenständige Person zu begreifen, die sich behaupten, schützen und ihren Platz finden muss. Wir erleben Zustimmung und Ablehnung, Nähe und Verlust, Sicherheit und Enttäuschung. Dadurch entsteht ein Bild von uns selbst, das sich deutlich von der Welt und den anderen Menschen abgrenzt. Diese Abgrenzung ist für das Leben notwendig, doch sie kann uns vergessen lassen, dass Verschiedenheit nicht dasselbe wie Trennung ist. Wir können individuelle Wesen sein und dennoch aus derselben Lebenskraft hervorgehen.

Auch ich hatte gelernt, mich vor allem durch meine Geschichte, meine Gedanken und meine Rollen zu definieren. Ich war der Mensch mit bestimmten Erfahrungen, Aufgaben, Fähigkeiten und Grenzen. Alles, was ich als mich bezeichnete, schien innerhalb meines Körpers zu liegen, während das Leben außerhalb von mir begann. Unter dieser Vorstellung suchte ich nach Spiritualität wie nach einer Brücke, die zwei getrennte Bereiche miteinander verbinden sollte. Auf der einen Seite stand ich mit meinen Fragen, auf der anderen vermutete ich den Ursprung, die Energie oder etwas Göttliches. Je mehr ich mir diese Brücke wünschte, desto selbstverständlicher erschien mir der Abstand.

Als Reiki in mein Leben trat, schien es zunächst eine Möglichkeit zu sein, diesen Abstand zu überwinden. Ich lernte, mich für die universelle Lebensenergie zu öffnen und sie bewusster wahrzunehmen. Diese Erfahrungen berührten mich tief, doch unbewusst blieb die Vorstellung bestehen, dass die Energie von einem anderen Ort zu mir kommen müsse. Ich wartete auf Wärme, Strömen oder andere Empfindungen, die mir bestätigten, dass eine Verbindung hergestellt worden war. Wenn ich etwas deutlich spürte, fühlte ich mich nahe. Blieb es still, kamen Zweifel auf. Erst viel später erkannte ich, dass ich die Energie an meine Wahrnehmung gebunden hatte und ihre Gegenwart davon abhängig machte, ob sie meinen Erwartungen entsprach.

Mit der Zeit erlebte ich jedoch Momente, die sich nicht in dieses Bild einordnen ließen. Manchmal war die tiefste Verbindung gerade dann spürbar, wenn ich nichts herbeirufen wollte. Sie zeigte sich in einem bewussten Atemzug, im stillen Sitzen oder während eines Spaziergangs durch die Natur. In diesen Augenblicken gab es keine deutliche Grenze zwischen mir als Beobachter und dem Leben, das ich beobachtete. Ich war nicht verschwunden, doch mein Gefühl, allem getrennt gegenüberzustehen, wurde leiser. Die Geräusche, mein Atem, die Bewegung der Luft und die Empfindungen meines Körpers schienen innerhalb einer einzigen Gegenwart zu geschehen. Nichts musste verbunden werden, weil nichts wirklich voneinander getrennt war.

Diese Erfahrung ließ mich den Ursprung neu betrachten. Ich hatte ihn lange wie einen entfernten Anfang verstanden, zu dem ich zurückkehren müsste. Heute empfinde ich ihn weniger als einen Ort und stärker als jene lebendige Gegenwart, aus der jeder Augenblick hervorgeht. Der Ursprung liegt nicht hinter der Welt und wartet auch nicht jenseits meiner Wahrnehmung. Er zeigt sich in allem, was lebt, sich verändert und wieder vergeht. Mein Körper, meine Gedanken und sogar meine Zweifel entstehen innerhalb dieses Lebens. Wenn das so ist, kann ich niemals außerhalb des Ursprungs stehen, denn selbst mein Gefühl der Trennung wird von derselben Energie getragen.

Diese Erkenntnis bedeutet für mich nicht, dass die Erfahrung von Trennung unwirklich oder bedeutungslos wäre. Sie kann sich sehr real anfühlen und tiefes Leiden verursachen. Wenn ich mich selbst nicht mehr spüre, in Beziehungen verloren gehe oder innerlich keinen Halt finde, hilft es wenig, mir nur zu sagen, dass alles eins ist. Solche Worte können sogar zu einer neuen Form der Verdrängung werden. Die Vorstellung der Einheit darf nicht benutzt werden, um menschliche Gefühle, persönliche Grenzen oder schmerzhafte Erfahrungen zu übergehen. Für mich begann ein ehrlicheres Verständnis erst dort, wo ich beides zulassen konnte. Ich durfte mich getrennt fühlen und zugleich erkennen, dass dieses Gefühl nicht die tiefste Wahrheit meines Seins beschreibt.

Gerade der Körper wurde dabei zu einem wichtigen Wegweiser. Gedanken können überzeugend erklären, warum ich allein, unvollständig oder vom Leben abgeschnitten bin. Der Körper führt mich dagegen immer wieder in eine unmittelbare Erfahrung zurück. Wenn ich meinen Atem wahrnehme, spüre ich, dass Leben in mir geschieht, ohne dass ich es vollständig kontrolliere. Luft tritt ein und verlässt mich wieder. Nahrung, Licht, Wärme und unzählige natürliche Vorgänge erhalten meinen Körper. Bereits darin zeigt sich, dass die Grenze zwischen innen und außen durchlässiger ist, als mein Verstand es behauptet. Ich existiere nicht unabhängig vom Leben, sondern durch einen ständigen Austausch mit ihm.

Auch meine Begegnungen mit anderen Menschen begannen sich durch diese Sichtweise zu verändern. Ich erkannte, dass Verbundenheit nicht bedeutet, alle Unterschiede aufzulösen oder jede Nähe zuzulassen. Jeder Mensch braucht persönliche Grenzen, einen eigenen Raum und die Freiheit, seinen Weg zu gehen. Doch hinter unseren unterschiedlichen Geschichten wirkt dieselbe grundlegende Lebendigkeit. Wenn ich einen anderen Menschen nur durch seine Meinung, seine Rolle oder sein Verhalten betrachte, sehe ich lediglich einen Ausschnitt. Unter diesen sichtbaren Formen lebt ein Wesen, das ebenso nach Sicherheit, Liebe und Zugehörigkeit sucht wie ich. Dieses Erkennen entschuldigt kein verletzendes Verhalten, doch es verändert die Haltung, aus der ich Grenzen setze.

In der Energiearbeit wurde diese Haltung besonders bedeutsam. Solange ich glaubte, ich müsse einem anderen Menschen etwas geben, das ihm fehlt, entstand unbewusst ein Gefälle. Ich sah mich als denjenigen, der Zugang zu einer Kraft besitzt, während der andere sie empfangen sollte. Heute empfinde ich eine Reiki Anwendung eher als bewusste Begegnung innerhalb eines gemeinsamen Energiefeldes. Ich stelle keine Verbindung her, die vorher nicht existierte. Ich werde still, öffne meine Aufmerksamkeit und vertraue darauf, dass die universelle Lebensenergie in beiden Menschen bereits gegenwärtig ist. Dadurch wird meine Aufgabe einfacher und zugleich verantwortungsvoller, denn ich muss nichts beweisen, darf aber auch nichts über den anderen hinweg bestimmen.

New Reiki ist für mich aus diesem Verständnis heraus kein neues System, das zwischen den Menschen und den Ursprung tritt. Es ist vielmehr eine Erinnerung daran, dass kein System den Ursprung besitzen kann. Methoden, Symbole und Rituale können uns helfen, die Aufmerksamkeit auszurichten, doch sie erschaffen die Verbindung nicht. Sobald eine Form uns glauben lässt, wir seien ohne sie von der Energie getrennt, wird sie zu einer neuen Grenze. Der eigentliche Weg führt deshalb nicht zu einer weiteren Abhängigkeit, sondern zu einer unmittelbaren Wahrnehmung. Ich darf mich begleiten lassen, lernen und Erfahrungen sammeln, ohne dabei zu vergessen, dass die Quelle nicht außerhalb meiner selbst liegt.

Je länger ich mit dieser Erkenntnis lebe, desto weniger empfinde ich Spiritualität als Suche nach einem besonderen Zustand. Sie zeigt sich für mich in der Art, wie ich dem gegenwärtigen Moment begegne. Wenn ich esse, atme, spreche oder einem Menschen zuhöre, kann ich mich entweder als getrennten Beobachter erleben oder wahrnehmen, dass ich Teil eines größeren Geschehens bin. Diese Wahrnehmung ist nicht immer deutlich und lässt sich nicht dauerhaft festhalten. Es gibt Tage, an denen alte Gedanken von Einsamkeit, Mangel oder Abgrenzung wieder lauter werden. Doch selbst dann weiß ich, dass die Verbindung nicht verschwunden ist. Nur meine Aufmerksamkeit hat sich von ihr entfernt.

Zwischen mir und dem Ursprung steht deshalb keine wirkliche Mauer. Es stehen Vorstellungen darüber, wer ich sein muss, was mir fehlt und welchen Weg ich noch zurücklegen sollte. Diese Vorstellungen können sehr überzeugend wirken, doch sie bestehen innerhalb desselben Bewusstseins, das sie erkennen kann. In dem Moment, in dem ich sie wahrnehme, entsteht bereits ein stiller Raum, der weiter ist als jede Geschichte über Trennung. Dort muss ich nichts erreichen und keine besondere Erfahrung erzwingen. Ich darf einfach bemerken, dass ich lebe, atme und von einer Kraft getragen werde, die niemals aufgehört hat, gegenwärtig zu sein. Vielleicht ist die Rückkehr zum Ursprung deshalb keine Reise, sondern das stille Erkennen, dass ich ihn nie verlassen habe.


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