Manchmal beginnt der Tag, bevor ich innerlich überhaupt anwesend bin. Der Wecker klingelt, meine Hand greift nach dem Telefon, und noch ehe ich richtig wahrgenommen habe, wie es mir geht, bin ich bereits mitten in meinen Aufgaben. Ich stehe auf, erledige, antworte, organisiere und richte meine Aufmerksamkeit auf alles, was von mir erwartet wird. Von außen wirkt dieser Ablauf selbstverständlich. Niemand würde vermuten, dass darin etwas verborgen sein könnte, denn ich funktioniere zuverlässig und tue, was getan werden muss. Doch genau darin liegt die Schwierigkeit. Solange alles läuft, stelle ich kaum Fragen. Erst wenn eine unerklärliche Müdigkeit, eine gereizte Reaktion oder eine innere Leere auftaucht, bemerke ich, dass ich mich durch viele Stunden bewegt habe, ohne wirklich mit mir verbunden gewesen zu sein. Vielleicht kennst du diesen Zustand. Du hast vieles geschafft, aber am Ende des Tages kannst du kaum sagen, ob du dich in deinen Entscheidungen selbst gespürt hast oder nur einem Ablauf gefolgt bist, der längst automatisch geworden ist.
Lange hielt ich dieses Funktionieren für eine Stärke. Ich war stolz darauf, auch dann weiterzumachen, wenn ich müde war, meine Gefühle zurückzustellen und mich nicht von jeder inneren Bewegung ablenken zu lassen. Ich glaubte, erwachsen und verantwortungsbewusst zu handeln, wenn ich persönliche Bedürfnisse auf später verschob. Schließlich gab es immer etwas Wichtigeres, etwas Dringenderes oder jemanden, der gerade mehr Aufmerksamkeit benötigte. Das Problem war nicht, dass ich Verpflichtungen übernahm oder mich zusammenriss, wenn es notwendig war. Das Problem entstand dort, wo aus einer bewussten Entscheidung ein dauerhafter Zustand wurde. Ich fragte nicht mehr, ob etwas wirklich notwendig war, sondern reagierte sofort auf das bekannte Signal in mir, das sagte, ich müsse weitermachen. Selbst in ruhigen Momenten konnte ich kaum loslassen, weil Nichtstun sich nicht wie Erholung, sondern wie Versagen anfühlte. So wurde aus Verlässlichkeit eine innere Pflicht, die keine Unterbrechung mehr erlaubte.
Selbstmanipulation zeigte sich dabei nicht als deutliche Lüge. Sie sagte mir nicht, dass ich unglücklich sein müsse oder mich selbst übergehen sollte. Sie sprach viel geschickter. Sie erklärte mir, dass es jetzt gerade ungünstig sei, auf mich zu achten, dass ich später genügend Zeit dafür haben würde und dass andere Menschen schließlich auch zurechtkommen müssten. Sie fand für jede Grenzüberschreitung eine vernünftige Begründung. Wenn ich erschöpft war, sagte sie, ich müsse mich nur besser organisieren. Wenn ich keine Freude mehr an einer Aufgabe empfand, erinnerte sie mich daran, wie dankbar ich sein sollte. Wenn etwas in mir Nein sagte, suchte sie nach Argumenten, warum ein Ja klüger, freundlicher oder sicherer wäre. Dadurch erschien mein Verhalten weiterhin freiwillig. Ich bemerkte nicht, dass ich meine unmittelbare Wahrnehmung so lange erklärte, bis sie nicht mehr zu hören war.
Im Alltag geschieht diese innere Verschiebung meist in kleinen Situationen. Ich öffne eine Nachricht und antworte sofort, obwohl ich eigentlich Ruhe brauche. Ich nehme einen weiteren Termin an, weil ich nicht unzuverlässig wirken möchte. Ich lache über eine Bemerkung, die mich verletzt hat, damit keine unangenehme Stimmung entsteht. Ich esse, ohne Hunger zu haben, bleibe wach, obwohl ich müde bin, oder scrolle durch Inhalte, die mich kaum interessieren, weil ich den stillen Moment danach nicht spüren möchte. Keine dieser Handlungen wirkt für sich genommen besonders bedeutsam. Doch wenn sie sich täglich wiederholen, entsteht ein Leben, das immer weniger aus bewusster Wahl und immer stärker aus automatischen Reaktionen besteht. Vielleicht erkennst du dich darin wieder, wenn du dich häufig fragst, warum du etwas getan hast, obwohl du schon vorher wusstest, dass es dir nicht guttun würde. Die Antwort liegt dann nicht unbedingt in mangelnder Disziplin, sondern möglicherweise in einer inneren Regel, die schneller handelt als dein bewusstes Empfinden.
Diese Regeln habe ich oft erst erkannt, wenn ich versuchte, anders zu handeln. Solange ich verfügbar war, fiel mir nicht auf, wie stark ich Verfügbarkeit mit meinem Wert verbunden hatte. Erst als ich eine Nachricht später beantworten wollte, tauchte Unruhe auf. Solange ich alle Aufgaben erledigte, bemerkte ich nicht, wie sehr ich Anerkennung durch Leistung suchte. Erst als ich etwas liegen ließ, begann mein Inneres mir Vorwürfe zu machen. Solange ich Konflikte vermied, erschien mir meine Anpassung friedlich. Erst als ich eine Grenze aussprach, spürte ich die Angst, dadurch Nähe zu verlieren. In solchen Momenten wurde sichtbar, dass mein Funktionieren nicht nur aus Gewohnheit bestand. Es war an Vorstellungen darüber geknüpft, wer ich sein musste, um sicher, angesehen oder geliebt zu bleiben. Das automatische Handeln schützte nicht nur meinen Alltag vor Unordnung, sondern auch mein Selbstbild vor Fragen, die ich lange vermieden hatte.
Mein Körper war häufig der erste, der diese verborgene Spannung nicht länger mittrug. Er reagierte mit einem schweren Gefühl am Morgen, mit Anspannung in Situationen, die äußerlich harmlos wirkten, oder mit einer Müdigkeit, die durch Schlaf allein nicht verschwand. Trotzdem versuchte ich zunächst, ihn wieder funktionstüchtig zu machen. Ich suchte nach Möglichkeiten, leistungsfähiger, konzentrierter und ausgeglichener zu werden, ohne zu fragen, weshalb mein Körper überhaupt Widerstand zeigte. Ich betrachtete seine Reaktionen wie Störungen in einem System, das möglichst schnell wieder laufen sollte. Erst später verstand ich, dass er mich nicht am Leben hinderte, sondern mich auf die Art aufmerksam machte, wie ich lebte. Die Enge in mir war nicht immer ein Problem, das beseitigt werden musste. Manchmal war sie eine ehrliche Antwort auf ein Ja, das nicht meinem Empfinden entsprach, auf eine Verpflichtung, die längst zu viel geworden war, oder auf eine Rolle, die ich nicht mehr tragen wollte.
Als ich begann, mein automatisches Funktionieren genauer zu beobachten, wollte ich zunächst sofort damit aufhören. Ich nahm mir vor, bewusster zu leben, häufiger Nein zu sagen und besser auf meine Bedürfnisse zu achten. Doch auch daraus entstand schnell eine neue Aufgabe, die ich erfüllen wollte. Ich bewertete mich, wenn ich wieder zu schnell zugesagt hatte, und war enttäuscht, wenn alte Gewohnheiten zurückkehrten. Damit setzte ich denselben Mechanismus fort, nur unter einem anderen Namen. Wieder musste ich etwas richtig machen, um mit mir zufrieden sein zu dürfen. Veränderung wurde erst möglich, als ich mich weniger kontrollierte und stattdessen neugierig wurde. Ich fragte mich nicht mehr nur, warum ich schon wieder funktioniert hatte, sondern was dieses Funktionieren für mich sichern sollte. Wollte ich Ablehnung vermeiden, Kontrolle behalten, mich wertvoll fühlen oder einer unangenehmen Wahrheit ausweichen. Hinter dem automatischen Verhalten lag fast immer ein verständlicher Wunsch nach Sicherheit.
Diese Erkenntnis machte mein Verhalten nicht sofort anders, doch sie nahm ihm einen Teil seiner Macht. Wenn ich heute bemerke, dass ich automatisch Ja sagen möchte, versuche ich einen Augenblick länger bei mir zu bleiben. Ich spüre, ob mein Körper sich öffnet oder zusammenzieht, und frage mich, was ich befürchte, wenn ich nicht sofort zustimme. Manchmal entscheide ich mich trotzdem für das Ja, doch es entsteht aus einer bewussteren Haltung. In anderen Situationen erkenne ich, dass ich nur eine alte Erwartung erfülle, die mit dem gegenwärtigen Moment kaum noch etwas zu tun hat. Diese kleine Pause wirkt unscheinbar, aber sie verändert viel. Zwischen dem Impuls und meiner Reaktion entsteht Raum, und in diesem Raum kann ich prüfen, ob ich gerade handle oder nur funktioniere. Nicht jede Entscheidung wird dadurch einfach, doch sie gehört wieder stärker zu mir.
Selbstmanipulation im Alltag zu erkennen bedeutet für mich deshalb nicht, jede Routine oder Pflicht infrage zu stellen. Wir brauchen Gewohnheiten, übernehmen Verantwortung und müssen manchmal handeln, obwohl uns nicht danach ist. Entscheidend ist, ob ich noch wahrnehme, warum ich etwas tue und welche Wahrheit ich dafür übergehe. Funktionieren wird dort zur Selbsttäuschung, wo ich mein eigenes Empfinden dauerhaft zum Schweigen bringe und mir gleichzeitig erzähle, es gebe keine andere Möglichkeit. Heute weiß ich, dass die Rückkehr zu mir nicht mit einer großen Veränderung beginnen muss. Sie kann in einem einzigen ehrlichen Moment liegen, in dem ich zugebe, dass ich müde bin, etwas nicht möchte oder gerade nur aus Angst weitermache. Vielleicht erkennst auch du beim Lesen einen Bereich deines Lebens, in dem du längst zuverlässig funktionierst, aber kaum noch weißt, weshalb. Genau dort beginnt keine Anklage, sondern eine Frage, die dein automatisches Leben für einen Augenblick unterbricht. Handle ich gerade wirklich aus mir heraus, oder erfülle ich nur eine alte Regel, die ich irgendwann für meine eigene Wahrheit gehalten habe.
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