Es dauerte lange, bis ich verstand, dass nicht jede Grenze in meinem Leben wie eine Grenze aussah. Manche kamen nicht als Verbot, sondern als liebevoller Rat. Sie wurden mit besorgter Stimme ausgesprochen, von einer Umarmung begleitet oder mit dem Satz versehen, man wolle doch nur mein Bestes. Gerade deshalb nahm ich sie so tief in mich auf. Ich vermutete hinter ihnen keine Angst und keine Begrenzung, sondern Schutz, Erfahrung und Zuneigung. Wenn ein Mensch, der mich liebte, vor einem Weg warnte, musste dieser Weg gefährlich sein. Wenn er meine Begeisterung bremste, hielt ich meine Freude vielleicht für zu ungestüm. Die Liebe wurde zu einem Tarnkleid, unter dem sich eine fremde Sorge verbarg, die ich nicht als fremd erkennen konnte.
Ich lernte dadurch nicht nur, bestimmte Dinge zu vermeiden. Ich lernte, meinen eigenen Regungen zu misstrauen. Ein Wunsch durfte sich nicht einfach richtig anfühlen, sondern musste zuerst vernünftig begründet werden. Eine Entscheidung war nicht deshalb wertvoll, weil etwas in mir lebendig wurde, sondern weil sie möglichst wenig Unsicherheit auslöste. Wenn ich mich zeigen wollte, erinnerte ich mich an Warnungen vor Kritik. Wenn ich etwas verändern wollte, sah ich bereits die möglichen Verluste. Niemand musste mich später noch zurückhalten, denn ich hatte diese Aufgabe längst selbst übernommen. Aus gut gemeinter Fürsorge war eine innere Kontrollinstanz geworden, die mich vor Erfahrungen schützen wollte, die ich noch gar nicht gemacht hatte.
Besonders schwer war für mich die Erkenntnis, dass diese Prägung aus echter Liebe entstanden sein konnte. Lange dachte ich, ich müsse mich entscheiden. Entweder hatte ein Mensch mich geliebt, dann mussten seine Ratschläge richtig gewesen sein, oder seine Worte hatten mich begrenzt, dann konnte es keine wirkliche Liebe gewesen sein. Heute sehe ich, dass beides gleichzeitig wahr sein kann. Ein Mensch kann mich aufrichtig lieben und dennoch seine ungelösten Ängste an mich weitergeben. Er kann mich bewahren wollen und dabei unbewusst verhindern, dass ich meine eigenen Erfahrungen mache. Liebe schützt nicht automatisch vor Projektion. Manchmal macht sie die übernommene Grenze sogar schwerer erkennbar, weil wir sie aus Loyalität nicht hinterfragen möchten.
Vielleicht kennst du diese Form der Loyalität. Du willst einen Weg gehen, hörst jedoch innerlich sofort die Stimme eines Menschen, der dir einmal erklärt hat, warum er nicht funktionieren wird. Du möchtest dich zeigen, aber etwas in dir erinnert dich daran, bescheiden zu bleiben und keine unnötige Aufmerksamkeit auf dich zu ziehen. Du spürst, dass eine Beziehung, eine Aufgabe oder eine Lebensweise nicht mehr zu dir passt, doch der Gedanke an Veränderung fühlt sich wie Undankbarkeit an. Nicht weil du wirklich bleiben möchtest, sondern weil du glaubst, mit deinem eigenen Weg zugleich jene Menschen zurückzuweisen, die dir ihre Vorstellung von Sicherheit aus Liebe mitgegeben haben.
Auch ich verwechselte Anpassung lange mit Verbundenheit. Ich dachte, Nähe bedeute, die Sorgen anderer ernst zu nehmen und meine Entscheidungen so zu treffen, dass sie sich möglichst wenig um mich fürchten mussten. Dabei bemerkte ich nicht, wie ich mich immer kleiner innerhalb ihrer Erwartungen bewegte. Ich wollte niemanden enttäuschen, der es gut mit mir meinte, und enttäuschte dafür immer wieder mich selbst. Meine Wünsche verschwanden nicht, doch ich lernte, sie leiser zu machen. Ich nannte das Rücksicht, obwohl es häufig Angst vor Distanz war. Ich nannte es Vernunft, obwohl ich meine Lebendigkeit gegen ein Gefühl von Sicherheit eintauschte.
Die innere Grenze zeigte sich selten in einem deutlichen Nein. Sie erschien eher als Zögern, das ich nicht erklären konnte, als Schuldgefühl nach einer selbstbestimmten Entscheidung oder als Unruhe, sobald ich mich außerhalb des Bekannten bewegte. Manchmal hatte ich längst beschlossen, etwas zu verändern, und begann kurz darauf, meinen eigenen Entschluss mit immer neuen Argumenten zu entkräften. Ich sagte mir, der Zeitpunkt sei ungünstig, meine Erwartungen seien zu hoch oder andere Menschen könnten unter meiner Entscheidung leiden. Manche dieser Überlegungen waren nachvollziehbar. Doch unter ihnen lag häufig eine ältere Botschaft. Bleib dort, wo wir dich verstehen. Werde nicht zu jemandem, den wir nicht mehr schützen können. Wage nichts, das unsere Vorstellung von deinem Leben infrage stellt.
Als ich diesen Zusammenhang erkannte, wollte ich zunächst herausfinden, welche Gedanken wirklich zu mir gehörten und welche von anderen stammten. Doch so eindeutig ließ sich das nicht trennen. Eine übernommene Angst war über Jahre Teil meines Denkens geworden. Sie hatte meine Entscheidungen geprägt, Erfahrungen verhindert und dadurch scheinbare Beweise für ihre Richtigkeit gesammelt. Weil ich einen Weg nie gegangen war, konnte ich mir weiterhin sagen, dass er zu gefährlich gewesen wäre. Weil ich mich selten deutlich zeigte, blieb die Überzeugung bestehen, Sichtbarkeit könne Ablehnung hervorrufen. Die innere Grenze bestätigte sich selbst, indem sie mich von allem fernhielt, was sie hätte widerlegen können.
Veränderung begann für mich deshalb nicht mit einer großen Befreiung, sondern mit kleinen Gegenbeweisen. Ich erlaubte mir, einen Wunsch nicht sofort zu relativieren. Ich traf eine Entscheidung, ohne sie jedem Menschen verständlich machen zu müssen. Ich blieb bei einem Nein, obwohl sich Schuld in mir meldete, und beobachtete, dass nicht jede Beziehung daran zerbrach. Mit jeder neuen Erfahrung lernte ich, dass die übernommene Angst zwar vertraut war, aber nicht zwangsläufig die Wirklichkeit beschrieb. Ich musste die Menschen, von denen sie stammte, dafür nicht ablehnen. Ich durfte ihre Liebe anerkennen und zugleich aufhören, ihre Grenzen als Maßstab meines Lebens zu verwenden.
Heute bedeutet innere Freiheit für mich nicht, jeden Rat zurückzuweisen oder nur noch meinen spontanen Impulsen zu folgen. Sie bedeutet, genauer zu prüfen, was unter einer Botschaft liegt. Ist es eine gegenwärtige, nachvollziehbare Sorge oder eine alte Angst, die sich als Fürsorge verkleidet hat. Fühle ich mich durch einen Rat klarer oder verliere ich den Kontakt zu meinem eigenen Empfinden. Liebe darf mich begleiten, doch sie darf nicht verlangen, dass ich mich selbst verlasse. Ich kann würdigen, was Menschen mir geben wollten, ohne alles weiterzutragen, was sie selbst nie lösen konnten. Vielleicht fällt das Tarnkleid genau in dem Moment, in dem ich erkenne, dass ich nicht undankbar bin, nur weil ich weiter gehe, als andere es sich für mich vorstellen konnten.
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