Du nanntest es Charakter

Wie innere Programme zu deiner Identität werden

Du nanntest es Charakter

Es gibt Sätze über mich, die ich früher ausgesprochen habe, als wären sie endgültige Wahrheiten. Ich sagte, ich sei eben vorsichtig, besonders pflichtbewusst, nicht sehr spontan oder jemand, der seine Gefühle lieber mit sich selbst ausmacht. Diese Beschreibungen wirkten so selbstverständlich, dass ich kaum auf die Idee kam, ihren Ursprung zu hinterfragen. Sie erklärten mein Verhalten, gaben mir ein vertrautes Bild von mir selbst und halfen mir, meine Entscheidungen einzuordnen. Erst viel später bemerkte ich, dass manche dieser Eigenschaften nicht einfach aus meinem Wesen hervorgegangen waren. Sie waren Antworten auf Erfahrungen, Erwartungen und Situationen, in denen ein bestimmtes Verhalten sicherer gewesen war als ein anderes. Was einmal als Reaktion begonnen hatte, war durch ständige Wiederholung zu einer Gewohnheit geworden. Aus der Gewohnheit entstand eine Überzeugung, und irgendwann nannte ich diese Überzeugung meinen Charakter.

Innere Programme entstehen selten als bewusst formulierte Regeln. Niemand setzt sich als Kind hin und entscheidet, von nun an jede Unsicherheit zu verbergen oder die Bedürfnisse anderer wichtiger zu nehmen als die eigenen. Solche Muster entwickeln sich im täglichen Erleben. Ich bemerkte, wann ich Zustimmung bekam, welche Reaktionen Spannungen auslösten und welche Seite von mir in meiner Umgebung besonders geschätzt wurde. Vielleicht wurde ich für meine Vernunft gelobt, während meine Lebendigkeit als anstrengend empfunden wurde. Vielleicht brachte Leistung Anerkennung, während Erschöpfung kaum Beachtung fand. Vielleicht lernte ich, dass ein ruhiges Ja mehr Nähe bewahrte als ein ehrliches Nein. Diese Erfahrungen mussten nicht dramatisch sein, um eine tiefe Wirkung zu hinterlassen. Es genügte, dass sie sich wiederholten und mein Inneres daraus Schlussfolgerungen zog, die mir Sicherheit versprachen.

Das Programm selbst blieb unsichtbar, weil es sich in meinem Verhalten vollkommen natürlich anfühlte. Ich musste nicht mehr darüber nachdenken, wie ich in einer bestimmten Situation reagieren sollte. Noch bevor ich mein eigenes Empfinden bewusst wahrnahm, war die passende Antwort bereits da. Ich übernahm eine Aufgabe, beruhigte einen anderen Menschen oder stellte meine eigene Meinung zurück. Danach erklärte ich mir, dass dieses Verhalten zu mir passe und ich nun einmal so sei. Gerade diese Erklärung schloss den Kreis. Weil ich immer wieder gleich handelte, erschien meine Selbstbeschreibung wahr. Und weil ich an diese Beschreibung glaubte, verhielt ich mich weiterhin so, wie sie es von mir verlangte. Auf diese Weise bestätigte sich das innere Programm selbst, ohne dass ich bemerkte, wie wenig Raum für andere Seiten meines Wesens übrig blieb.

Besonders deutlich wurde mir diese Verwechslung, wenn jemand eine Eigenschaft an mir hervorhob. Wurde ich als stark, verlässlich oder besonders verständnisvoll bezeichnet, fühlte sich das zunächst wie Anerkennung an. Gleichzeitig entstand jedoch ein leiser Druck, diesem Bild weiterhin zu entsprechen. Ein starker Mensch durfte nicht plötzlich erschöpft sein. Ein verständnisvoller Mensch sollte nicht wütend werden. Wer immer zuverlässig war, konnte sich kaum erlauben, eine Bitte abzulehnen. Aus einem Kompliment wurde so unbemerkt eine Erwartung, die ich selbst aufrechterhielt. Vielleicht kennst du das Gefühl, eine bestimmte Rolle nicht enttäuschen zu dürfen, weil andere Menschen dich gerade wegen dieser Eigenschaft schätzen. Dann geht es irgendwann nicht mehr nur darum, was du tun möchtest, sondern auch darum, wer du nach deiner eigenen Vorstellung bleiben musst.

Ich erkannte meine inneren Programme nicht daran, dass sie sich falsch anfühlten, sondern daran, wie unruhig ich wurde, sobald ich ihnen nicht folgte. Wenn ich eine Bitte ablehnte, obwohl ich sonst immer half, tauchte sofort Schuld auf. Wenn ich mich zeigte, obwohl Zurückhaltung zu meinem vertrauten Selbstbild gehörte, empfand ich Unsicherheit. Wenn ich eine Entscheidung aus Freude statt aus Vernunft traf, begann mein Verstand nach Gründen zu suchen, weshalb sie scheitern könnte. Diese Reaktionen waren für mich lange ein Beweis dafür, dass das neue Verhalten nicht zu mir passte. Heute sehe ich sie anders. Das Unbehagen zeigte nicht unbedingt, dass ich gegen meinen Charakter handelte. Es konnte ebenso bedeuten, dass ich eine alte innere Ordnung verließ, die jede Abweichung als Gefahr verstand.

Der Gedanke, mein Charakter könnte teilweise aus erlernten Programmen bestehen, löste zunächst Widerstand in mir aus. Ich wollte mich nicht als eine Ansammlung fremder Erwartungen betrachten und auch nicht jede meiner Eigenschaften auf meine Vergangenheit zurückführen. Vieles an mir ist tatsächlich gewachsen, gereift und bewusst gewählt. Doch gerade deshalb wurde die Unterscheidung wichtig. Eine Eigenschaft kann Ausdruck meines Wesens sein oder eine Strategie, mit der ich mich vor Ablehnung, Unsicherheit oder Kontrollverlust schütze. Von außen mag beides gleich aussehen. Ich kann schweigen, weil ich in mir ruhig und klar bin, oder weil ich mich nicht traue, meine Meinung auszusprechen. Ich kann Verantwortung übernehmen, weil ich mich bewusst dafür entscheide, oder weil ich mich nur dann wertvoll fühle. Entscheidend ist nicht allein die Handlung, sondern der innere Ort, aus dem sie entsteht.

Je genauer ich diesen inneren Ort betrachtete, desto weniger hilfreich wurden feste Beschreibungen wie mutig, ängstlich, offen oder verschlossen. Sie machten aus beweglichen Erfahrungen starre Identitäten. Wenn ich mich für ängstlich hielt, übersah ich jene Momente, in denen ich längst mutig gehandelt hatte. Wenn ich überzeugt war, kein Mensch für Veränderungen zu sein, deutete ich jedes Zögern als Bestätigung und jede Sehnsucht nach Neuem als unvernünftig. Mein Selbstbild entschied dadurch mit, welche Erfahrungen ich überhaupt zuließ. Ich wählte häufig das, was zu meiner bekannten Identität passte, und vermied Situationen, in denen ich mich anders hätte erleben können. Das innere Programm schützte nicht nur mein gewohntes Leben. Es bewahrte auch die Geschichte, die ich über mich selbst erzählte.

Veränderung begann für mich, als ich diese Geschichte nicht mehr als Urteil, sondern als vorläufige Beschreibung betrachtete. Statt zu sagen, dass ich eben so sei, fragte ich mich, wann ich auf diese Weise reagiere und was in diesem Moment geschützt werden soll. Plötzlich war Zurückhaltung nicht mehr mein unveränderlicher Charakter, sondern vielleicht eine Antwort auf die Angst, bewertet zu werden. Mein übermäßiges Verantwortungsgefühl konnte eine Reaktion auf die Sorge sein, andere Menschen zu enttäuschen. Das ständige Bedürfnis nach Kontrolle war möglicherweise kein Beweis für meine Vernunft, sondern der Versuch, Unsicherheit nicht fühlen zu müssen. Diese Fragen nahmen mir nichts von meiner Persönlichkeit. Sie gaben mir vielmehr die Möglichkeit, zwischen einer bewussten Entscheidung und einer automatisch ablaufenden Reaktion zu unterscheiden.

Heute glaube ich nicht mehr, dass ich meinen Charakter vollständig auflösen oder neu erfinden muss. Ich darf Eigenschaften besitzen, Gewohnheiten entwickeln und mir selbst treu bleiben. Doch Treue zu mir bedeutet nicht, jedes alte Muster für immer fortzuführen. Sie zeigt sich darin, dass ich ehrlich prüfe, was noch lebendig ist und was nur deshalb vertraut wirkt, weil ich es sehr lange wiederholt habe. Vielleicht sind manche Seiten, die du deinen Charakter nennst, tatsächlich tiefe Ausdrucksformen deines Wesens. Vielleicht sind andere jedoch Mauern, die einst Schutz boten und später zu deiner Identität wurden. In dem Moment, in dem du diesen Unterschied wahrnimmst, musst du dich nicht mehr gegen dich selbst wenden. Du kannst verstehen, weshalb ein Programm entstanden ist, und trotzdem entscheiden, ob es weiterhin für dich handeln darf. Was du bisher für eine feste Persönlichkeit gehalten hast, wird dadurch nicht wertlos. Es wird beweglich, und genau in dieser Beweglichkeit beginnt die Freiheit, dich jenseits deiner alten Beschreibungen neu kennenzulernen.

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