Es gibt Grenzen in meinem Leben, die ich lange für Tatsachen gehalten habe. Nicht, weil jemand sie mir sichtbar gesetzt hätte, sondern weil ich irgendwann aufgehört hatte, sie zu hinterfragen. Bestimmte Dinge passten angeblich nicht zu mir. Für andere war ich zu spät dran. Bei manchen Entscheidungen wusste ich schon im Voraus, dass sie nichts für mich sein würden. Solche Überzeugungen wirkten nicht wie Mauern. Sie fühlten sich vernünftig an, vertraut und teilweise sogar schützend. Erst viel später begann ich mich zu fragen, wie viele meiner vermeintlichen Grenzen tatsächlich aus der Wirklichkeit entstanden waren und wie viele aus Gedanken, Erfahrungen und Ängsten, die ich über Jahre zu etwas Festem gemacht hatte. Das Bild eines selbst erschaffenen Gefängnisses klingt zunächst hart, doch für mich beschreibt es etwas sehr Menschliches: Wir können uns innerhalb von Grenzen einrichten, deren Türen längst offen stehen, ohne überhaupt noch zu bemerken, dass wir sie selbst geschlossen haben.
Die ersten Mauern entstehen oft lange bevor wir verstehen, was sie später mit uns machen. Wir hören, was vernünftig ist, was man besser nicht tut, worin wir angeblich gut oder schlecht sind und welche Erwartungen an uns gestellt werden. Dazu kommen eigene Erfahrungen. Eine Zurückweisung kann genügen, damit ich beim nächsten Mal vorsichtiger werde. Mehrere Enttäuschungen können irgendwann zu der Überzeugung werden, dass bestimmte Dinge ohnehin immer gleich enden. Aus einem Erlebnis entsteht eine Erwartung, aus der Erwartung eine Gewohnheit und aus der Gewohnheit schließlich etwas, das ich Persönlichkeit nenne. Dann sage ich nicht mehr: „Damals hatte ich Angst.“ Ich sage: „So bin ich eben.“ Genau dieser Satz ist für mich einer der unscheinbarsten Bausteine solcher inneren Gefängnisse, weil er Veränderbares plötzlich wie etwas Unveränderliches erscheinen lässt.
Ängste spielen dabei eine besondere Rolle. Sie wollen uns zunächst schützen und besitzen damit einen guten Grund, überhaupt da zu sein. Wenn ich mich einmal verletzt habe, merke ich mir die Situation. Wenn etwas schiefging, wird mein Denken beim nächsten Mal vorsichtiger. Problematisch wird es erst, wenn eine alte Gefahr jede neue Möglichkeit mitbewertet. Dann reagiere ich nicht nur auf das, was jetzt geschieht, sondern auch auf das, was früher geschehen ist. Ich kenne das aus ganz unterschiedlichen Situationen. Es braucht nicht einmal große Angst. Oft reicht dieses leise innere Zögern, das mir sagt, ich solle lieber beim Bekannten bleiben. Das Vertraute kann unbefriedigend sein und trotzdem sicherer wirken als etwas, das ich noch nicht kenne. So entsteht eine merkwürdige Form von Gefangenschaft: Ich bleibe freiwillig in einem Raum, der mir zu eng geworden ist, weil ich nicht weiß, was außerhalb davon auf mich wartet.
Gewohnheiten verstärken diese Grenzen, weil sie kaum Aufmerksamkeit verlangen. Was ich häufig genug tue, muss ich irgendwann nicht mehr bewusst entscheiden. Das ist im Alltag ausgesprochen hilfreich. Doch dieselbe Fähigkeit kann dafür sorgen, dass ich Wege weitergehe, die längst nicht mehr zu mir passen. Ich denke auf vertraute Weise, reagiere in Beziehungen nach bekannten Mustern, vermeide dieselben Situationen und bestätige mir dadurch immer wieder, dass meine Sicht auf mich und die Welt richtig sein muss. Wenn ich mir zum Beispiel lange genug sage, dass ich kein Mensch bin, der sich durchsetzen kann, werde ich Situationen meiden, in denen ich genau das erfahren könnte. Anschließend fehlt mir die Erfahrung, die meine Überzeugung infrage stellen würde. Die Grenze bestätigt sich dadurch selbst.
Das Faszinierende ist für mich, wie wenig sich dieses Gefängnis nach Gefangenschaft anfühlen muss. Ein echtes Gefängnis erkennt man an Mauern und verschlossenen Türen. Innere Begrenzungen hingegen tragen oft Namen wie Vernunft, Sicherheit, Charakter oder Erfahrung. Sie geben mir Erklärungen, mit denen ich leben kann. Ich muss mich nicht fragen, ob ich mich aus Angst zurückhalte, wenn ich mir sagen kann, dass ich einfach realistisch bin. Ich muss nicht prüfen, ob eine alte Gewohnheit mich begrenzt, wenn ich sie als Teil meiner Persönlichkeit betrachte. Diese Erklärungen sind nicht immer falsch. Genau darin liegt ihre Überzeugungskraft. Meist enthalten sie genügend Wahrheit, um den anderen Teil nicht ansehen zu müssen.
Mit der Zeit wurde mir bewusst, dass Freiheit deshalb nicht nur bedeutet, äußere Möglichkeiten zu besitzen. Ich kann theoretisch sehr viele Wege gehen und mich innerlich trotzdem auf wenige beschränken. Niemand muss mir verbieten, etwas zu verändern, wenn ich längst überzeugt bin, dass ich es nicht kann. Niemand muss mich kleinhalten, wenn ich diese Aufgabe selbst übernommen habe. Das klingt zunächst unbequem, weil es Verantwortung zurück zu mir bringt. Gleichzeitig empfinde ich genau darin etwas Befreiendes. Wenn zumindest ein Teil meiner Grenzen erlernt, übernommen oder aus Erfahrungen entstanden ist, dann sind sie nicht automatisch endgültig. Das bedeutet nicht, dass jeder Mensch einfach alles erreichen kann, wenn er nur anders denkt. Reale Grenzen existieren, Lebensumstände unterscheiden sich, und nicht jedes Hindernis entsteht in unserem Kopf. Mir geht es um jene Grenzen, die ich längst nicht mehr überprüfe, weil sie sich wie Realität anfühlen.
Hier berührt das Thema für mich sehr deutlich „Ich – Deine beste Lügnerin“. In diesem Buch beschäftige ich mich mit genau diesen unscheinbaren Formen der Selbstmanipulation. Nicht mit einer Stimme, die uns bewusst täuscht, sondern mit Mustern, die so vertraut geworden sind, dass wir ihnen glauben. Die innere Lügnerin sagt nicht unbedingt: „Du darfst nicht frei sein.“ Sie sagt eher: „Das lohnt sich nicht.“ „Das kannst du ohnehin nicht.“ „Jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt.“ „Andere können das besser.“ Oder sie erinnert mich an frühere Erfahrungen und erklärt sie zu einem Gesetz für die Zukunft. Gerade deshalb erkenne ich solche Mechanismen oft erst spät. Sie klingen nicht wie Gefängniswärter. Sie klingen wie meine eigene vernünftige Stimme.
Ich habe für mich erfahren, dass sich innere Grenzen selten dadurch auflösen, dass ich mir einfach das Gegenteil erzähle. Wenn ich Angst habe, hilft es mir wenig, mir einzureden, keine Angst zu haben. Wenn eine Überzeugung über Jahrzehnte gewachsen ist, verschwindet sie nicht durch einen positiven Satz. Interessanter finde ich den Augenblick, in dem ich sie zum ersten Mal nicht mehr vollständig glaube. Wenn aus „Das kann ich nicht“ ein ehrliches „Woher weiß ich eigentlich, dass ich es nicht kann?“ wird. In diesem kleinen Zweifel verändert sich noch nichts im Außen, aber die Mauer verliert ihre Selbstverständlichkeit. Für mich beginnt Freiheit oft genau dort, nicht mit einem großen Ausbruch, sondern mit einem ersten Riss in einer Geschichte, die ich lange für wahr gehalten habe.
Heute frage ich mich deshalb gelegentlich, wie viele Türen in meinem Leben ich für verschlossen halte, ohne jemals geprüft zu haben, ob sie es noch sind. Manche waren vielleicht tatsächlich einmal zu. Andere habe ich aus gutem Grund gemieden. Doch eine alte Grenze bleibt nicht automatisch richtig, nur weil sie lange da war. Und so stelle ich mir dieses selbst erschaffene Gefängnis inzwischen nicht mehr als dunklen Ort vor. Eher als einen vertrauten Raum, den ich so gut kenne, dass ich jedes Möbelstück im Dunkeln finde. Das Beunruhigende daran ist nicht, dass die Tür abgeschlossen wäre. Es ist die Möglichkeit, dass sie schon lange offensteht und ich mich nur so sehr an den Raum gewöhnt habe, dass ich vergessen habe, nach draußen zu sehen.