Vor einiger Zeit ist mir etwas aufgefallen, das zunächst so unscheinbar war, dass ich ihm kaum Bedeutung beigemessen habe. Ich saß vor meinem Bildschirm und ließ mich durch Musik, Bücher, Videos und Beiträge treiben. Vieles davon gefiel mir tatsächlich. Es entsprach meinen Interessen, meinen bisherigen Suchen, meinen Gewohnheiten und offenbar auch dem, womit ich mich in den Tagen zuvor länger beschäftigt hatte. Alles fühlte sich erstaunlich passend an. Doch irgendwann bemerkte ich, dass ich kaum noch selbst nach etwas suchte. Ich musste nicht mehr überlegen, was ich hören wollte, welches Thema mich interessierte oder wohin meine Neugier mich führen könnte. Es wurde mir bereits angeboten. Noch bevor ein eigener Wunsch richtig entstehen konnte, wartete schon der nächste Vorschlag auf mich. Genau in diesem Moment begann ich mich zu fragen, ob mir der Algorithmus lediglich meinen Geschmack zeigte oder ob er längst begonnen hatte, an diesem Geschmack mitzuschreiben.
Ich kenne noch eine Zeit, in der Entdeckungen wesentlich häufiger aus Zufällen entstanden. Man ging in eine Buchhandlung und nahm ein Buch aus dem Regal, weil der Titel etwas in einem berührte. Man hörte irgendwo ein Lied, dessen Namen man nicht kannte, und versuchte später herauszufinden, von wem es war. Man bog in eine Straße ein, obwohl man dort eigentlich nichts zu erledigen hatte, oder blieb vor einem Schaufenster stehen, weil irgendetwas die Aufmerksamkeit anzog. Es waren keine großen Ereignisse, und gerade deshalb denke ich heute gern daran zurück. Zwischen dem, was ich bereits kannte, und dem, was mir begegnete, lag ein offener Raum. Niemand hatte vorher ausgerechnet, wie wahrscheinlich es war, dass mir etwas gefallen würde. Ich durfte überrascht werden. Ich durfte etwas langweilig finden, etwas missverstehen, mich täuschen oder plötzlich von etwas fasziniert sein, mit dem ich nie gerechnet hätte.
Heute begegnet mir immer häufiger eine andere Form des Entdeckens. Ich höre ein Musikstück, und unmittelbar danach stehen weitere Stücke bereit, die Menschen mit ähnlichem Hörverhalten ebenfalls mochten. Ich sehe mir ein Video an, und schon wird mir das nächste angeboten, das vermutlich meine Aufmerksamkeit halten könnte. Ich suche nach einem bestimmten Thema und bemerke wenig später, wie mir dieses Thema an verschiedenen Stellen erneut begegnet. Daran ist zunächst nichts Verwerfliches. Im Gegenteil, vieles davon ist bequem und oft sogar hilfreich. Ich habe auf diesem Weg Dinge gefunden, die ich sonst vermutlich nie entdeckt hätte. Doch irgendwann wurde mir bewusst, dass Bequemlichkeit eine sehr leise Eigenschaft besitzt. Sie nimmt uns nichts sichtbar weg. Sie macht es lediglich immer weniger notwendig, selbst zu wählen.
Gerade darin liegt für mich etwas, das weit über Technik hinausgeht. Geschmack erscheint uns häufig als etwas sehr Persönliches. Wir sagen, dass uns eine bestimmte Musik gefällt, dass wir einen bestimmten Kleidungsstil mögen, gewisse Bücher bevorzugen oder bestimmte Themen interessant finden. Wir erleben diese Vorlieben als Ausdruck unserer Persönlichkeit. Doch wenn ich genauer hinschaue, merke ich, wie beweglich Geschmack eigentlich ist. Er verändert sich durch Wiederholung, Gewöhnung, Erfahrungen, Menschen, mit denen wir zusammen sind, und durch das, womit wir unsere Aufmerksamkeit regelmäßig füllen. Je häufiger mir etwas begegnet, desto vertrauter kann es werden. Und Vertrautheit fühlt sich erstaunlich schnell wie eine eigene Vorliebe an. Das bedeutet für mich nicht, dass jeder Geschmack fremdgesteuert wäre. Es hat mich lediglich vorsichtiger mit der Vorstellung gemacht, dass alles, was mir gefällt, ausschließlich aus mir selbst entstanden sein müsse.
Ich habe mich deshalb öfter gefragt, wie viele meiner heutigen Interessen wirklich aus einer eigenen Neugier entstanden sind und wie viele daraus, dass mir bestimmte Dinge immer wieder begegneten. Diese Frage lässt sich kaum eindeutig beantworten. Genau das macht sie für mich interessant. Ich kann nicht einfach eine Grenze ziehen und sagen, bis hierhin bin ich selbst und ab dort beginnt der Einfluss von außen. So funktioniert unser Leben ohnehin nicht. Wir werden ständig beeinflusst. Durch unsere Kindheit, unsere Umgebung, Gespräche, Erfahrungen, Werbung, Kultur und Menschen, deren Meinung uns etwas bedeutet. Der Algorithmus hat diesen Einfluss nicht erfunden. Was für mich neu daran ist, ist seine Nähe. Er begleitet uns inzwischen in sehr vielen kleinen Momenten des Alltags und lernt aus dem, worauf wir reagieren. Dadurch entsteht eine Rückkopplung, die sich ausgesprochen persönlich anfühlen kann. Ich sehe etwas, weil es zu mir passen könnte, beschäftige mich damit und bekomme anschließend noch mehr davon zu sehen. Aus einem Interesse kann so langsam eine Umgebung werden.
Dabei beschäftigt mich besonders, dass diese Umgebung angenehm sein kann. Sie bestätigt mich. Sie zeigt mir Dinge, deren Tonfall, Ästhetik, Themen und Sichtweisen mir vertraut vorkommen. Das fühlt sich zunächst gut an, weil Reibung abnimmt. Gleichzeitig habe ich bei mir beobachtet, dass Neugier etwas anderes braucht als Bestätigung. Sie braucht einen gewissen Abstand zum Bekannten. Sie braucht Begegnungen, die nicht bereits auf meine bisherigen Vorlieben zugeschnitten sind. Ich muss nicht alles mögen, was mir zufällig begegnet. Gerade dieses Nichtmögen gehört für mich inzwischen wieder zum Entdecken. Wenn mir alles gefällt, was ich sehe, entsteht irgendwann ein seltsamer Verdacht: Vielleicht entdecke ich gar nicht mehr die Welt, sondern nur noch eine immer feinere Version dessen, was ich bereits gezeigt habe.
Ich erinnere mich an einen kleinen Flohmarkt, über den ich einmal ohne besondere Absicht gegangen bin. Auf einem Tisch lagen Bücher, Schallplatten, alte Gegenstände und Dinge, für die ich weder einen Namen noch eine Verwendung gehabt hätte. Nichts davon war für mich ausgewählt worden. Niemand wusste, was ich normalerweise las, welche Musik ich mochte oder wie lange mein Blick auf einem bestimmten Gegenstand verweilte. Ich nahm ein altes Buch in die Hand, das ich bei einer gezielten Suche vermutlich nie gefunden hätte. Nicht weil es besonders wertvoll gewesen wäre, sondern weil etwas an seiner Gestaltung meine Aufmerksamkeit anzog. Dieser Moment ist mir geblieben, weil ich darin etwas wiedererkannte, das mir im digitalen Alltag zunehmend selten begegnete. Ich wusste vorher nicht, wonach ich suchte. Erst die Begegnung ließ ein Interesse entstehen.
Für mich berührt das eine tiefere Frage nach Wahrnehmung. Wie viel Raum gebe ich dem Leben noch, bevor ich es vorsortiere? Wenn jede freie Minute bereits mit Inhalten gefüllt werden kann, die gut zu meinen bisherigen Interessen passen, bleibt wenig Leere übrig. Doch gerade diese Leere habe ich im Laufe meines Lebens immer mehr schätzen gelernt. In ihr entsteht nicht sofort eine Antwort. Dort kann ein Gedanke auftauchen, für den ich zuvor keinen Suchbegriff hatte. Ich kann einen Weg einschlagen, ohne zu wissen, wohin er führt. Ich kann Musik hören, die mich zunächst irritiert, oder mich mit einem Gedanken beschäftigen, der nicht zu meinem bisherigen Weltbild passt. Für mich ist das keine Ablehnung moderner Technik. Ich benutze sie selbst und schätze viele ihrer Möglichkeiten. Es geht mir eher um die Frage, ob zwischen all den Empfehlungen noch etwas in mir selbst beginnen darf.
Je länger ich darüber nachgedacht habe, desto mehr wurde mir bewusst, dass Geschmack nicht nur mit Konsum zu tun hat. Er beeinflusst auch, wie wir Schönheit wahrnehmen, welche Menschen wir interessant finden, welche Lebensweisen uns erstrebenswert erscheinen und welche Vorstellungen von Erfolg, Körper, Spiritualität oder Glück sich in uns festsetzen. Wenn mir bestimmte Bilder oft genug begegnen, können sie irgendwann selbstverständlich wirken. Ich merke dann möglicherweise nicht mehr, dass ich etwas übernommen habe. Es erscheint mir einfach normal. Gerade an diesem Punkt finde ich die Frage spannend, ob mein inneres Empfinden noch Zeit bekommt, bevor mein Denken bereits entschieden hat, was schön, wichtig oder begehrenswert sein soll.
Ich habe für mich erfahren, dass meine eigene Wahrnehmung häufig leiser ist als das, was mir von außen angeboten wird. Sie besitzt keine Benachrichtigung, keinen Vorschaubildschirm und keinen Hinweis darauf, dass jetzt etwas besonders relevant sein könnte. Sie meldet sich eher als ein kaum erklärbares Interesse. Ein Blick bleibt irgendwo hängen. Ein Satz bewegt etwas in mir. Eine Landschaft zieht mich an, obwohl sie auf keinem Plan stand. Ein Gespräch führt plötzlich in eine Richtung, die niemand vorhersehen konnte. Solche Momente lassen sich schwer optimieren, und gerade deshalb empfinde ich sie als kostbar. Sie erinnern mich daran, dass mein Leben nicht vollständig aus dem bestehen muss, was bereits zu meinem bisherigen Verhalten passt.
An dieser Stelle berührt das Thema für mich auch das, worüber ich in „Werde wieder magisch“ schreibe. Magie bedeutet für mich nicht, sich aus der modernen Welt zurückzuziehen oder Technik zu einem Gegner zu erklären. Ich verbinde damit vielmehr die Fähigkeit, dem Leben wieder unmittelbar zu begegnen. Etwas wahrzunehmen, bevor ich es einordne. Mich von etwas berühren zu lassen, ohne sofort wissen zu müssen, warum. Einen Weg interessant zu finden, obwohl niemand ihn mir empfohlen hat. In einer Welt, die immer besser darin wird, vorherzusagen, was zu uns passen könnte, empfinde ich diese Offenheit fast als eine besondere Form von Freiheit. Nicht die Freiheit, niemals beeinflusst zu werden, sondern die Freiheit, mich noch überraschen zu lassen.
Seit mir das bewusst geworden ist, sehe ich auch Empfehlungen anders. Ich muss sie nicht ablehnen, um meinen eigenen Geschmack ernst zu nehmen. Ich kann mich über eine passende Entdeckung freuen und trotzdem wissen, dass jenseits davon noch eine unermessliche Menge existiert, die niemand für mich vorsortiert hat. Bücher, Orte, Menschen, Gedanken, Klänge und Erfahrungen, für die es in meinem bisherigen Verhalten noch keinen Hinweis gibt. Vielleicht liegt gerade dort etwas, das mich verändern könnte. Nicht weil es bereits zu mir passt, sondern weil ich ihm erst begegnen muss, bevor ich überhaupt wissen kann, was es in mir auslöst.
Neulich stand ich wieder vor einem Regal mit Büchern und bemerkte, wie meine Hand nach einem Titel griff, den ich vorher noch nie gesehen hatte. Ich wusste nichts über Rezensionen, Empfehlungen oder darüber, ob Menschen mit ähnlichen Interessen ihn mochten. Für einen kurzen Moment gab es nur dieses Buch, meine Hand und eine schwer erklärbare Neugier. Ich musste lächeln, weil mir dieser unscheinbare Augenblick plötzlich größer erschien, als er eigentlich war. Ich wusste nicht, ob mir das Buch gefallen würde. Und genau das fühlte sich überraschend gut an.