Es gibt Entscheidungen, bei denen ich sehr genau gespürt habe, dass etwas nicht mehr zu meinem Leben passte, und trotzdem blieb ich länger, als ich es mir später erklären konnte. Nicht weil mir die Situation gutgetan hätte und auch nicht, weil ich keine andere Möglichkeit gesehen hätte. Es war eher diese merkwürdige Vertrautheit des Bekannten. Selbst etwas, das mich unzufrieden macht, kann Sicherheit vermitteln, wenn ich weiß, wie es funktioniert. Ich kenne meine Rolle darin, kenne die Abläufe, die Menschen, meine Reaktionen und sogar die Schwierigkeiten. Das Unbekannte besitzt diese Vertrautheit nicht. Es verspricht vielleicht Freiheit, aber es kann mir nicht sagen, wie ich mich dort fühlen werde. Gerade darin habe ich eine Seite der Angst vor Veränderung erkannt, die ich früher unterschätzt habe: Wir fürchten nicht immer, dass das Neue schlechter wird. Manchmal fürchten wir einfach, dass wir noch nicht wissen, wer wir darin sein werden.
Veränderung wird häufig so dargestellt, als wäre sie etwas, das wir nur mutig genug begrüßen müssten. Doch so einfach habe ich sie nie erlebt. Es gibt Veränderungen, die ich selbst wünsche und die mir trotzdem Angst machen. Ein neuer Weg kann sich richtig anfühlen und gleichzeitig etwas in mir verunsichern. Ein Abschied kann notwendig sein und dennoch wehtun. Selbst eine Entwicklung, auf die ich lange gehofft habe, kann plötzlich eine eigenartige Unruhe auslösen, sobald sie wirklich möglich wird. Das hat mich gelehrt, Angst nicht automatisch als Zeichen dafür zu betrachten, dass ich auf dem falschen Weg bin. Sie kann auch dort auftauchen, wo etwas Vertrautes seine Macht verliert und mein Inneres noch keine neue Ordnung gefunden hat.
Unser Denken liebt Vorhersagbarkeit. Es greift auf Erfahrungen zurück, erkennt Muster und versucht einzuschätzen, was als Nächstes geschehen könnte. Das ist nichts, was ich überwinden möchte. Es gehört zu uns und schützt uns in vielen Situationen. Doch dieselbe Fähigkeit kann Veränderung schwer machen. Das Bekannte lässt sich berechnen, selbst wenn es unangenehm ist. Beim Neuen fehlen Vergleichswerte. Mein Kopf beginnt dann, Möglichkeiten zu entwerfen, Risiken abzuwägen und Lücken mit Vorstellungen zu füllen. Auffällig ist, dass dabei nicht automatisch die schönsten Szenarien entstehen. Das Denken fragt gern zuerst, was schiefgehen könnte. So kann eine Zukunft, die noch gar nicht existiert, bereits bedrohlicher wirken als eine Gegenwart, von der ich längst weiß, dass sie mich nicht mehr erfüllt.
Noch tiefer geht Veränderung für mich dort, wo sie nicht nur meine Umstände betrifft, sondern mein Bild von mir selbst. Ich habe im Laufe meines Lebens Rollen angenommen, Überzeugungen entwickelt und Geschichten darüber aufgebaut, wer ich bin. Einige davon tragen mich, andere habe ich irgendwann überlebt, ohne es sofort zu bemerken. Wenn sich etwas grundlegend verändert, kann auch eine solche Geschichte ins Wanken geraten. Wer bin ich, wenn ich nicht mehr derjenige bin, der immer alles zusammenhält? Was bleibt, wenn ich mich nicht länger an einer alten Erwartung orientiere? Wie fühlt sich mein Leben an, wenn ich etwas loslasse, das mich über Jahre definiert hat? Solche Fragen berühren für mich einen sehr stillen Bereich. Dort geht es nicht mehr nur um eine neue Situation. Es geht um die Möglichkeit, dass ich mich selbst anders kennenlernen könnte.
In meiner spirituellen Beschäftigung ist mir deshalb der Gedanke des Loslassens immer wieder begegnet, aber ich sehe ihn heute nüchterner als früher. Loslassen klingt oft friedlich, beinahe selbstverständlich, solange es nur ein schönes Wort bleibt. Im wirklichen Leben kann es bedeuten, eine Sicherheit aufzugeben, bevor eine neue entstanden ist. Es kann bedeuten, eine Antwort nicht mehr zu besitzen, eine Beziehung anders zu sehen oder eine Vorstellung von sich selbst nicht länger aufrechterhalten zu können. Ich habe für mich erfahren, dass solche Übergänge nicht dadurch leichter werden, dass ich ihnen sofort eine höhere Bedeutung gebe. Nicht jede Veränderung muss eine kosmische Botschaft sein und nicht jeder Verlust ist automatisch eine spirituelle Prüfung. Für mich beginnt eine spirituelle Betrachtung vielmehr dort, wo ich ehrlich genug werde, auch das Nichtwissen auszuhalten.
Gerade dieses Nichtwissen hat für mich etwas mit Vertrauen zu tun. Nicht mit dem Versprechen, dass alles gut ausgehen wird. Ein solches Versprechen kann mir niemand geben. Vertrauen bedeutet für mich eher, nicht bereits heute jede Antwort für morgen besitzen zu müssen. Ich kann eine Entscheidung treffen und trotzdem unsicher sein. Ich kann spüren, dass ein Abschnitt endet, ohne den nächsten bereits benennen zu können. Ich kann Angst empfinden und dennoch erkennen, dass sie nicht allein entscheiden muss. Mit der Zeit habe ich verstanden, dass innere Sicherheit für mich weniger daraus entsteht, das Kommende kontrollieren zu können, sondern aus dem Wissen, dass ich mir auch dort begegnen werde, wo ich heute noch nicht weiß, was mich erwartet.
An diesem Punkt berührt das Thema für mich sehr stark „Ich – Deine beste Lügnerin“. In dem Buch beschäftige ich mich mit den Geschichten, durch die wir vertraute Muster erhalten, selbst wenn wir längst spüren, dass sie uns begrenzen. Gerade vor Veränderungen können solche Geschichten besonders überzeugend werden. Dann finde ich plötzlich viele vernünftige Gründe, warum jetzt noch nicht der richtige Zeitpunkt ist. Warum eine alte Situation doch nicht so schlecht war. Warum Sicherheit wichtiger ist als das, was mich innerlich längst ruft. Das Interessante daran ist, dass diese Gründe nicht vollständig falsch sein müssen. Selbsttäuschung ist oft viel feiner. Eine reale Sorge kann so groß werden, dass sie alles andere überdeckt. Aus Vorsicht wird Stillstand, und ich bemerke kaum, wann diese Grenze überschritten wurde.
Ich sehe Veränderung heute deshalb weniger als den Augenblick, in dem etwas Neues beginnt. Oft beginnt sie viel früher. In diesem kaum sichtbaren Moment, in dem ich das Alte nicht mehr vollständig glauben kann. Etwas passt nicht mehr so selbstverständlich wie früher. Ein vertrauter Gedanke verliert seine Kraft. Eine Rolle fühlt sich enger an. Noch ist nichts entschieden und im Außen kann alles unverändert aussehen, doch innerlich hat bereits eine Bewegung begonnen. Für mich sind genau diese Zeiten besonders empfindlich. Sie verlangen keine schnellen Antworten, sondern Ehrlichkeit. Denn bevor ein neuer Weg sichtbar wird, muss ich manchmal erst anerkennen, dass der alte mich nicht mehr dorthin führt, wo ich eigentlich hinmöchte.
Wenn ich heute auf größere Veränderungen in meinem Leben zurückblicke, erinnere ich mich selten zuerst an den Mut. Ich erinnere mich eher an diese stille Unsicherheit davor. An den Moment, in dem ich noch nicht wusste, ob ich etwas verliere oder gerade Platz schaffe. An das seltsame Gefühl, mit einem Fuß noch im Vertrauten zu stehen und mit dem anderen bereits etwas zu berühren, das keinen Namen hatte. Vielleicht liegt genau darin für mich die spirituelle Tiefe von Veränderung. Nicht darin, dass sie uns automatisch verbessert oder auf eine höhere Stufe führt. Sondern darin, dass sie uns gelegentlich an einen Punkt bringt, an dem die alten Antworten nicht mehr tragen und wir für einen Augenblick ohne sie dastehen. Und genau dort habe ich mich manchmal selbst am deutlichsten gespürt.