Wenn wir uns selbst verlieren

by | Mai 6, 2026

Über Momente, in denen wir uns vom eigenen Weg entfernen

In den letz­ten Jah­ren begin­ne ich etwas in mir immer kla­rer zu erken­nen, das ich frü­her oft nur als dif­fu­se Unru­he wahr­ge­nom­men habe. Es sind jene Momen­te, in denen ich nach außen noch funk­tio­nie­re, Ent­schei­dun­gen tref­fe, Auf­ga­ben erfül­le und Gesprä­che füh­re, inner­lich jedoch spü­re, dass ich nicht mehr wirk­lich mit mir ver­bun­den bin. Es ist kein plötz­li­cher Absturz und auch kein gro­ßer sicht­ba­rer Bruch. Viel­mehr ist es ein lei­ses Abwei­chen von etwas Wesent­li­chem. Eine fei­ne Ent­fer­nung von dem, was sich in mir eigent­lich wahr, stim­mig und leben­dig anfühlt.

Frü­her habe ich sol­che Pha­sen meist schnell erklärt. Ich hielt sie für Müdig­keit, für Über­for­de­rung oder für eine vor­über­ge­hen­de Schwä­che. Ich glaub­te, dass sie vor allem mit äuße­ren Umstän­den zu tun haben. Heu­te sehe ich dar­in etwas Tie­fe­res. Ich erken­ne, dass ich mich nicht erst dann ver­lie­re, wenn ich gro­ße Fehl­ent­schei­dun­gen tref­fe oder mein Leben sicht­bar aus der Rich­tung gerät. Ich ver­lie­re mich oft schon viel frü­her, dort, wo ich begin­ne, mich selbst im Klei­nen zu über­ge­hen. Dort, wo ich mein inne­res Emp­fin­den zurück­stel­le, um Erwar­tun­gen zu ent­spre­chen, Frie­den zu bewah­ren oder wei­ter­zu­ma­chen, obwohl etwas in mir längst inne­hält.

Die­se Erkennt­nis ver­än­dert mei­nen Blick auf mich selbst. Ich begin­ne zu ver­ste­hen, dass das Sich Ver­lie­ren sel­ten dra­ma­tisch beginnt. Es geschieht lei­se. Ich sage Ja, obwohl in mir ein kla­res Nein spür­bar ist. Ich blei­be in Gesprä­chen, Rol­len oder Gewohn­hei­ten, die sich ver­traut anfüh­len, obwohl sie mich inner­lich nicht mehr tra­gen. Ich rich­te mich nach dem, was ver­nünf­tig wirkt, und ent­fer­ne mich dabei Schritt für Schritt von dem, was sich wahr anfühlt. Gera­de weil die­se Bewe­gun­gen so unspek­ta­ku­lär wir­ken, blei­ben sie oft lan­ge unbe­merkt. Erst spä­ter spü­re ich, dass ich zwar wei­ter­ge­gan­gen bin, aber nicht wirk­lich auf mei­nem eige­nen Weg.

Je ehr­li­cher ich hin­schaue, des­to deut­li­cher erken­ne ich, dass ich mich vor allem dann ver­lie­re, wenn ich zu lan­ge im Außen lebe. Wenn ich mei­ne Auf­merk­sam­keit fast nur noch auf das rich­te, was ande­re brau­chen, erwar­ten oder in mir sehen wol­len, wird mein eige­ner inne­rer Raum stil­ler. Nicht, weil er ver­schwin­det, son­dern weil ich ihm weni­ger Bedeu­tung gebe. Dann begin­ne ich, mich von Reak­tio­nen, Rol­len und äuße­ren Anfor­de­run­gen bestim­men zu las­sen. Ich pas­se mich an und nen­ne es manch­mal Ver­ant­wor­tung oder Rück­sicht, obwohl ich inner­lich spü­re, dass die­se Anpas­sung einen Preis hat. Der Preis ist oft nicht sofort sicht­bar, doch er zeigt sich in Form von Müdig­keit, inne­rer Lee­re oder dem Gefühl, mich selbst nicht mehr ganz zu errei­chen.

Eine mei­ner wich­tigs­ten Erkennt­nis­se ist, dass ich mich nicht ver­lie­re, weil mein Wesen plötz­lich nicht mehr da wäre. Ich ver­lie­re mich, weil ich ihm zu wenig Raum gebe. Ich ent­fer­ne mich nicht von mir selbst, weil ich kei­nen Zugang mehr hät­te, son­dern weil ande­re Stim­men lau­ter gewor­den sind als mei­ne eige­ne. Gedan­ken, Pflich­ten, Ängs­te, Erwar­tun­gen und alte Mus­ter begin­nen dann, mein Han­deln stär­ker zu prä­gen als mein inne­res Wis­sen. Genau dar­in liegt für mich etwas sehr Wesent­li­ches. Mein eige­ner Weg hört nicht auf zu exis­tie­ren, nur weil ich ihn zeit­wei­se nicht mehr klar höre. Er gerät ledig­lich in den Hin­ter­grund.

Wenn ich mich in sol­chen Pha­sen beob­ach­te, ver­än­dert sich auch mei­ne Wahr­neh­mung von Ent­schei­dun­gen. Frü­her dach­te ich, Unklar­heit bedeu­te ein­fach, dass ich noch nicht genug nach­ge­dacht habe. Heu­te erken­ne ich, dass sie oft daher kommt, dass ich mich zu weit von mei­nem inne­ren Emp­fin­den ent­fernt habe. Nicht die Rich­tung fehlt, son­dern die Ver­bin­dung zu ihr. Ich mer­ke dann, dass ich alles im Kopf bewe­ge, abwä­ge und ana­ly­sie­re, aber kaum noch wirk­lich spü­re. Es ist, als wür­de ich ver­su­chen, mei­nen Weg mit dem Ver­stand zu fin­den, obwohl er sich nur dort wirk­lich zeigt, wo ich wie­der still genug wer­de, um mich selbst zu hören.

Spi­ri­tu­ell betrach­tet begrei­fe ich die­se Momen­te heu­te nicht mehr als per­sön­li­ches Schei­tern. Ich sehe sie eher als Ein­la­dung. Sie zei­gen mir, dass etwas in mir wie­der gese­hen wer­den möch­te. Viel­leicht ein Gefühl, das ich lan­ge über­gan­gen habe. Viel­leicht eine Wahr­heit, die ich nicht aus­spre­chen woll­te. Viel­leicht ein Wunsch, den ich zu oft ver­scho­ben habe, weil er nicht in das Bild pass­te, das ich von mir selbst oder von mei­nem Leben auf­recht­erhal­ten woll­te. In die­sem Licht ver­liert das Sich Ver­lie­ren etwas von sei­ner Här­te. Es wird nicht leicht, aber ver­ständ­li­cher. Es ist dann nicht nur ein Schmerz, son­dern auch ein Hin­weis.

Aus die­ser Erkennt­nis ent­steht für mich eine ande­re Form der Rück­kehr. Frü­her woll­te ich in sol­chen Pha­sen mög­lichst schnell wie­der klar, stark und sicher sein. Ich woll­te mich sam­meln, ord­nen und sofort wie­der funk­tio­nie­ren. Heu­te ahne ich, dass ech­te Rück­ver­bin­dung nicht aus Druck ent­steht. Sie beginnt viel stil­ler. Sie beginnt dort, wo ich mir erlau­be, inne­zu­hal­ten und ehr­lich hin­zu­se­hen. Wo ich mich fra­ge, an wel­chen Stel­len ich mich selbst ver­las­sen habe. Wo ich nicht sofort repa­rie­ren will, son­dern zuerst ver­ste­hen möch­te. Die­se Hal­tung ver­än­dert vie­les, weil sie Mit­ge­fühl in einen Pro­zess bringt, den ich frü­her eher mit Kri­tik betrach­tet habe.

Ich erken­ne mehr und mehr, dass die Rück­kehr zu mir selbst oft nicht in gro­ßen Ent­schei­dun­gen liegt, son­dern in sehr ein­fa­chen, aber auf­rich­ti­gen Bewe­gun­gen. In dem Mut, eine Wahr­heit nicht län­ger zu über­ge­hen. In der Bereit­schaft, eine Erschöp­fung ernst zu neh­men. In der Klar­heit, mich nicht wei­ter in etwas zu hal­ten, das inner­lich längst leer gewor­den ist. Manch­mal bedeu­tet die­se Rück­kehr, etwas los­zu­las­sen. Manch­mal bedeu­tet sie, eine Gren­ze zu set­zen. Und manch­mal besteht sie ein­fach dar­in, wie­der zu spü­ren, was ich wirk­lich füh­le, ohne es sofort zu rela­ti­vie­ren oder zu erklä­ren.

Was mich dabei beson­ders berührt, ist die Erkennt­nis, dass mein eige­ner Weg Geduld mit mir hat. Ich muss ihn nicht neu erschaf­fen, wenn ich mich ver­irrt füh­le. Ich muss nicht jemand ande­res wer­den, um zu ihm zurück­zu­fin­den. Vie­les in mir bleibt unbe­rührt, auch wenn ich es für eine Zeit aus dem Blick ver­lie­re. Die­se Erfah­rung nimmt dem The­ma eine gewis­se Ver­zweif­lung. Denn sie zeigt mir, dass das Wesent­li­che nicht ver­schwin­det. Es war­tet. Nicht for­dernd, nicht laut, son­dern still. Und oft genügt ein ehr­li­cher Moment der Gegen­wär­tig­keit, damit ich wie­der etwas davon wahr­neh­me.

Mit der Zeit begin­ne ich sogar zu sehen, dass die­se Pha­sen des inne­ren Ent­fer­nens eine eige­ne Erkennt­nis­kraft in sich tra­gen. Sie machen sicht­bar, wo ich noch nicht fest genug in mir ruhe. Sie zei­gen mir, wo ich mich noch zu leicht von äuße­ren Bil­dern, Ängs­ten oder Erwar­tun­gen len­ken las­se. Frü­her woll­te ich sol­che Erfah­run­gen mög­lichst ver­mei­den. Heu­te sehe ich, dass sie mir etwas über mei­ne Tie­fe, mei­ne Ver­letz­lich­keit und mei­ne Lern­we­ge offen­ba­ren. Nicht, weil ich mich ver­lie­ren soll, son­dern weil ich durch das Erken­nen die­ser Bewe­gun­gen bewuss­ter zu mir zurück­fin­den kann.

Ich begin­ne des­halb zu ver­ste­hen, dass es im Leben viel­leicht nicht dar­um geht, sich nie mehr zu ver­lie­ren. Viel­leicht liegt die eigent­li­che Rei­fung dar­in, immer frü­her zu bemer­ken, wenn die Ver­bin­dung zu mir selbst schwä­cher wird. Nicht aus Kon­trol­le, son­dern aus Acht­sam­keit. Nicht aus Angst, son­dern aus Lie­be. Je fei­ner ich die­se Momen­te wahr­neh­me, des­to sanf­ter kann ich mir begeg­nen. Und des­to leich­ter wird die Rück­kehr, weil sie nicht mehr erst dann beginnt, wenn ich mich völ­lig erschöpft oder leer füh­le, son­dern schon dort, wo ich die ers­ten stil­len Ver­schie­bun­gen in mir bemer­ke.

Am Ende bleibt für mich eine ein­fa­che, aber tie­fe Wahr­heit. Ich ver­lie­re mich nicht voll­stän­dig, auch wenn es sich manch­mal so anfühlt. Ich ent­fer­ne mich nur für eine Zeit von dem, was in mir wesent­lich ist. Und das Wesent­li­che bleibt. Es zieht sich nicht zurück, es geht nicht ver­lo­ren und es ver­ur­teilt mich nicht für Umwe­ge. Es war­tet gedul­dig dar­auf, dass ich wie­der stil­ler wer­de, ehr­li­cher hin­schaue und den Mut fin­de, mich selbst erneut zu wäh­len.

Newsletter

Wenn du regelmäßig stille Impulse erhalten möchtest, abonniere meinen Newsletter.

Stefan Galbavi

Spiritualität, die verbindet und erdet.
Sie lädt dich ein, nach innen zu gehen und dich zu erinnern.

Copyright © 2026 Stefan Galbavi. All Rights Reserved.