Warum wir uns selbst belügen

by | Mrz 29, 2026

Über kleine Selbsttäuschungen im Alltag

In letz­ter Zeit begin­ne ich, etwas in mir kla­rer zu sehen, das mir lan­ge nicht bewusst war. Es sind kei­ne gro­ßen Lügen, kei­ne offen­sicht­li­chen Täu­schun­gen, die mein Leben bestim­men. Es sind die klei­nen, lei­sen Ver­schie­bun­gen in mei­ner Wahr­neh­mung, die mir erst auf­fal­len, wenn ich begin­ne, genau­er hin­zu­se­hen. Ich erken­ne, dass ich mich selbst nicht belü­ge, weil ich es bewusst möch­te, son­dern weil es sich oft ein­fa­cher anfühlt, bestimm­te Din­ge nicht voll­stän­dig zu sehen.

Im All­tag pas­siert das fast unbe­merkt. Ich erklä­re mir mein Ver­hal­ten, fin­de Grün­de, die stim­mig wir­ken, und hal­te an ihnen fest, ohne sie wirk­lich zu hin­ter­fra­gen. Ich sage mir, dass ich kei­ne Zeit habe, obwohl ich spü­re, dass es eher ein inne­rer Wider­stand ist. Ich rede mir ein, dass etwas nicht wich­tig ist, obwohl ich genau weiß, dass es mich berührt. Die­se klei­nen Ver­schie­bun­gen wir­ken harm­los, doch sie ent­fer­nen mich Stück für Stück von mei­ner eige­nen Klar­heit.

Je genau­er ich hin­schaue, des­to deut­li­cher wird mir, dass Selbst­täu­schung oft ein Schutz­me­cha­nis­mus ist. Sie bewahrt mich davor, mich mit unan­ge­neh­men Gefüh­len aus­ein­an­der­zu­set­zen. Sie schützt mich vor Unsi­cher­heit, vor Zwei­fel und manch­mal auch vor der Ver­ant­wor­tung, die ent­steht, wenn ich etwas wirk­lich erken­ne. In die­sem Sin­ne ist sie kein Feh­ler, son­dern eine Gewohn­heit, die sich über die Zeit ent­wi­ckelt hat.

Ich begin­ne zu ver­ste­hen, dass ich mich selbst nicht belü­ge, indem ich fal­sche Din­ge den­ke, son­dern indem ich bestimm­te Wahr­hei­ten aus­blen­de. Es ist weni­ger eine akti­ve Täu­schung als viel­mehr ein stil­les Über­ge­hen des­sen, was eigent­lich da ist. Ich spü­re etwas, neh­me es wahr – und ent­schei­de mich im nächs­ten Moment, es nicht wei­ter zu ver­fol­gen. Genau in die­sem Punkt ent­steht die Distanz zwi­schen dem, was ich erle­be, und dem, was ich mir dar­über erzäh­le.

Spi­ri­tu­ell betrach­tet erken­ne ich, dass die­se Form der Selbst­täu­schung mich von mei­ner inne­ren Wahr­heit trennt. Nicht, weil ich sie ver­lie­re, son­dern weil ich sie über­la­ge­re. Mei­ne Auf­merk­sam­keit rich­tet sich auf das, was leich­ter zu akzep­tie­ren ist, wäh­rend das, was tie­fer geht, in den Hin­ter­grund tritt. Doch die­se tie­fe­ren Ebe­nen ver­schwin­den nicht. Sie blei­ben bestehen und wir­ken wei­ter, auch wenn ich sie nicht bewusst beach­te.

In stil­len Momen­ten wird mir das beson­ders deut­lich. Wenn ich inne­hal­te und nichts tue, tau­chen Gedan­ken und Gefüh­le auf, die ich im All­tag oft über­ge­he. Sie sind nicht neu, son­dern waren die gan­ze Zeit da. Ich begin­ne zu erken­nen, dass Ehr­lich­keit mir selbst gegen­über nicht dar­in besteht, alles sofort zu ver­än­dern, son­dern zunächst dar­in, über­haupt wahr­zu­neh­men, was ist.

Dabei wird mir bewusst, dass Selbst­täu­schung nicht abrupt ver­schwin­det, sobald ich sie erken­ne. Sie zeigt sich wei­ter­hin, manch­mal in sub­ti­ler Form, manch­mal kla­rer. Der Unter­schied liegt dar­in, dass ich sie zuneh­mend bemer­ke. Ich sehe, wann ich aus­wei­che, wann ich etwas beschö­ni­ge oder wann ich mir eine Geschich­te erzäh­le, die sich ange­neh­mer anfühlt als die Rea­li­tät.

Die­se Wahr­neh­mung ver­än­dert etwas in mir. Sie macht mich nicht per­fekt oder voll­stän­dig klar, aber sie bringt mich näher zu mir selbst. Ich begin­ne, mich weni­ger zu bewer­ten und mehr zu beob­ach­ten. In die­ser Hal­tung ent­steht Raum, in dem ich mich nicht mehr gegen das weh­re, was ich sehe.

Ich erken­ne, dass es nicht dar­um geht, jede Selbst­täu­schung sofort auf­zu­lö­sen. Es geht viel­mehr dar­um, ehr­li­cher zu wer­den in dem, was ich wahr­neh­me. Denn in dem Moment, in dem ich etwas klar sehe, ver­liert es bereits einen Teil sei­ner Wir­kung. Es muss nicht mehr ver­bor­gen blei­ben.

Viel­leicht ist Selbst­täu­schung kein Zei­chen von Schwä­che, son­dern ein Hin­weis dar­auf, dass ich mich noch nicht bereit füh­le, etwas voll­stän­dig anzu­neh­men. Und viel­leicht beginnt Ver­än­de­rung genau dort, wo ich mir selbst erlau­be, Schritt für Schritt genau­er hin­zu­se­hen.

Ich begin­ne zu ver­ste­hen, dass Wahr­heit nichts ist, das ich erzwin­gen kann. Sie zeigt sich in dem Maß, in dem ich bereit bin, sie zuzu­las­sen. Und je mehr ich mich dar­auf ein­las­se, des­to weni­ger brau­che ich die klei­nen Geschich­ten, die mich von mir selbst fern­hal­ten.

Stefan Galbavi

Spiritualität, die verbindet und erdet.
Sie lädt dich ein, nach innen zu gehen und dich zu erinnern.

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