Was wir vermeiden, wenn wir uns ständig beschäftigen
In letzter Zeit habe ich begonnen, etwas in mir zu beobachten, das mir lange nicht bewusst war. Es ist kein großes, offensichtliches Verhalten. Es ist subtil. Fast unscheinbar. Und doch durchzieht es meinen Alltag. Der Drang, beschäftigt zu sein.
Ich merke, wie schnell ich zum Handy greife, wenn ein Moment der Leere entsteht. Wie ich automatisch etwas erledigen möchte, sobald ich Zeit habe. Wie schwer es mir manchmal fällt, einfach nur da zu sein, ohne etwas zu tun. Und irgendwann stellte sich mir eine ehrliche Frage: “Bin ich wirklich beschäftigt, weil es nötig ist, oder weil ich etwas vermeide”?
Zuerst wollte ich diese Frage nicht zu tief betrachten. Denn sie führt unweigerlich nach innen. Dorthin, wo es still wird. Und genau diese Stille scheint es zu sein, der ich so oft ausweiche.
Wenn ich nichts tue, wenn kein äußerer Reiz mich ablenkt, beginne ich mich selbst deutlicher wahrzunehmen. Gedanken werden klarer. Gefühle treten hervor. Manchmal taucht eine leise Unruhe auf, die ich im Alltag kaum bemerke. Und genau in diesem Moment verstehe ich, Beschäftigung ist oft keine Notwendigkeit, sondern eine Form der Flucht.
Es ist eine sanfte, gesellschaftlich akzeptierte Flucht. Eine, die sogar belohnt wird. Wer viel tut, gilt als engagiert. Wer ständig in Bewegung ist, wirkt produktiv. Doch selten hinterfragen wir, ob dieses Tun wirklich aus uns heraus entsteht, oder ob es nur ein Mittel ist, uns selbst nicht begegnen zu müssen.
Ich habe für mich erkannt, dass ich mich oft beschäftige, um etwas nicht zu fühlen. Nicht bewusst, nicht absichtlich. Es geschieht automatisch. Ein Griff zum Handy, ein weiterer Gedanke, eine neue Aufgabe, und schon ist der Moment der Stille verschwunden.
Doch wenn ich innehalte und diesen Impuls nicht sofort ausführe, entsteht ein Raum. Ein ungewohnter Raum, in dem nichts passiert und gleichzeitig alles möglich ist. In diesem Raum begegne ich mir selbst. Nicht der Version von mir, die funktioniert oder plant, sondern der, die einfach da ist.
Spirituell betrachtet beginnt genau hier etwas Wesentliches. Denn solange ich mich permanent ablenke, bleibe ich an der Oberfläche meines eigenen Erlebens. Erst wenn ich bereit bin, mich der Stille auszusetzen, öffnet sich eine tiefere Ebene. Eine Ebene, in der ich nicht mehr vor mir selbst davonlaufe.
Ich habe bemerkt, dass diese Stille nicht immer angenehm ist. Sie kann konfrontierend sein. Sie zeigt mir Gedanken, die ich sonst überhöre. Gefühle, die keinen Platz im Alltag finden. Doch gleichzeitig liegt in ihr eine Klarheit, die ich im ständigen Tun nicht finde.
Mit der Zeit verändert sich etwas. Die Stille verliert ihren Schrecken. Sie wird vertrauter. Und ich beginne zu erkennen, dass ich nichts vermeiden muss. Dass alles, was in mir auftaucht, da sein darf, ohne sofort gelöst werden zu müssen.
Heute beobachte ich mich noch immer dabei, wie ich mich beschäftige. Der Impuls ist nicht verschwunden. Aber ich sehe ihn klarer. Und manchmal entscheide ich mich bewusst dagegen. Nicht aus Disziplin, sondern aus dem Wunsch heraus, wirklich anwesend zu sein.
Vielleicht geht es nicht darum, weniger zu tun. Vielleicht geht es darum, ehrlicher zu sehen, warum wir tun, was wir tun. Denn hinter unserer ständigen Beschäftigung verbirgt sich oft nicht nur Aktivität, sondern eine leise Sehnsucht nach Ruhe, die wir uns selbst noch nicht ganz erlauben.

