Geschmackssucht – essen wir wirklich aus Hunger?

by | Feb 24, 2026

In letz­ter Zeit habe ich begon­nen, mein eige­nes Ess­ver­hal­ten genau­er zu beob­ach­ten. Nicht aus Dis­zi­plin. Nicht aus dem Wunsch, etwas zu opti­mie­ren. Son­dern aus Neu­gier. Und je genau­er ich hin­sah, des­to deut­li­cher wur­de mir eine lei­se Fra­ge: Esse ich wirk­lich immer aus Hun­ger, oder oft nur, weil ich etwas schme­cken möch­te?

Es gibt die­sen Moment am Tag, an dem ich in die Küche gehe, ohne dass mein Kör­per deut­lich nach Nah­rung ver­langt. Ich öff­ne den Schrank, sehe etwas Süßes oder Sal­zi­ges, und plötz­lich ent­steht ein Ver­lan­gen. Nicht im Magen oder im Mund. Ein Wunsch nach Geschmack, nach Reiz, nach einem kur­zen Erleb­nis.

Ich habe gemerkt, dass ech­ter Hun­ger anders ist. Er ist ruhig. Klar. Er braucht kei­ne bestimm­te Spei­se. Wenn ich wirk­lich hung­rig bin, schmeckt fast alles gut. Geschmacks­sucht hin­ge­gen ist wäh­le­risch. Sie will genau die­ses eine Aro­ma, genau die­se Tex­tur, genau die­sen Moment.

Manch­mal ist es nicht ein­mal der Geschmack selbst, den ich suche, son­dern das Gefühl, das er ver­spricht. Trost. Ablen­kung. Beloh­nung. Eine klei­ne Pau­se vom Den­ken. Ein Über­gang zwi­schen zwei Auf­ga­ben. Essen wird dann nicht zur Nah­rungs­auf­nah­me, son­dern zur Regu­la­ti­on.

Ich habe mich gefragt, wann ich ange­fan­gen habe, Geschmack mit Bedürf­nis zu ver­wech­seln. Viel­leicht geschieht das ganz unbe­merkt. Wir leben in einer Welt, in der Essen stän­dig ver­füg­bar ist und Geschmä­cker immer inten­si­ver wer­den. Süßer. Sal­zi­ger. Knusp­ri­ger. Reiz­vol­ler. Unser Mund wird unter­hal­ten, auch wenn der Kör­per nichts ver­langt.

Es gibt Tage, an denen ich bewusst war­te. Ich hal­te inne, wenn das Ver­lan­gen auf­taucht, und fra­ge mich: „Ist das Hun­ger? Oder ist es nur der Wunsch nach einem Geschmacks­er­leb­nis?„ Die­se klei­ne Pau­se ver­än­dert viel. Manch­mal esse ich trotz­dem, aber bewuss­ter. Manch­mal mer­ke ich, dass ich eigent­lich müde bin. Oder unru­hig. Oder gelang­weilt.

Ich begin­ne zu ver­ste­hen, dass Geschmacks­sucht nicht nur mit Essen zu tun hat. Sie ist ein Aus­druck unse­res Bedürf­nis­ses nach Sti­mu­la­ti­on. Nach einem klei­nen Impuls, der uns spü­ren lässt. In einer stil­len Minu­te wirkt ein inten­si­ver Geschmack fast wie ein Ereig­nis.

Doch was pas­siert, wenn ich die­sem Impuls nicht sofort fol­ge? Anfangs ent­steht Unru­he. Dann kommt etwas ande­res. Eine Klar­heit. Ich spü­re mei­nen Kör­per wie­der deut­li­cher. Den Atem. Die Müdig­keit. Viel­leicht auch ein Gefühl, das ich vor­her über­deckt habe.

Es geht mir nicht dar­um, Genuss abzu­leh­nen. Im Gegen­teil. Wenn ich wirk­lich hung­rig bin und bewusst esse, schmeckt alles tie­fer. Wahr­haf­ti­ger. Es ist, als wür­de der Kör­per dan­ken. Doch wenn ich nur schme­cken will, bleibt oft eine leich­te Lee­re zurück. Der Reiz war kurz, und das Bedürf­nis bleibt dif­fus.

Ich erzäh­le das nicht als mora­li­sche Bot­schaft, son­dern als Beob­ach­tung. Viel­leicht ist Geschmacks­sucht nichts ande­res als eine sub­ti­le Form von Flucht. Eine klei­ne Bewe­gung weg vom Moment. Und viel­leicht beginnt Frei­heit genau dort, wo ich erken­ne, war­um ich esse.

Heu­te ver­su­che ich, öfter zu lau­schen. Nicht nur mei­nem Geschmacks­sinn, son­dern mei­nem Kör­per. Denn ech­ter Hun­ger spricht lei­se, und er braucht kei­ne Insze­nie­rung. Und viel­leicht ist die eigent­li­che Fra­ge nicht, ob wir essen, weil wir hung­rig sind. Son­dern ob wir bereit sind zu spü­ren, was wirk­lich in uns nach Nah­rung ruft.

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Stefan Galbavi

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