Es gab eine Zeit in meinem Leben, in der ich glaubte, Kraft müsse laut sein, sichtbar, aktiv und immer in Bewegung, und in der ich überzeugt war, dass Stillstand gleichbedeutend mit Rückschritt sei. Ich versuchte, alles zu verstehen, alles zu lösen und allem einen Sinn zu geben, während ich innerlich immer müder wurde, ohne mir einzugestehen, dass genau dieses permanente Tun mich von mir selbst entfernte.
Ich erinnere mich an einen Moment, der unscheinbar wirkte und doch etwas in mir verschob. Ich saß allein, ohne Ablenkung, ohne Ziel, ohne den Versuch, etwas festzuhalten oder zu verändern, und zum ersten Mal seit langer Zeit erlaubte ich mir, nichts zu wollen. In dieser Stille war zunächst keine Erleichterung, sondern Unruhe, Gedanken, ein inneres Drängen, wieder aktiv zu werden. Doch ich blieb.
Mit der Zeit begann ich zu spüren, dass Ruhe nicht leer ist. Sie ist nicht das Fehlen von Bewegung, sondern ein Raum, in dem sich etwas sammelt, ordnet und erinnert. In dieser Ruhe wurde mir bewusst, wie sehr ich mich zuvor aus Angst vor dem Nichtstun an Bewegung geklammert hatte, wie sehr ich glaubte, nur dann wertvoll zu sein, wenn ich funktionierte, suchte oder leistete.
Aus spiritueller Sicht begann ich zu verstehen, dass wahre Kraft nicht aus Anstrengung entsteht, sondern aus Verbindung. Ruhe ist kein Zustand der Passivität, sondern ein Tor, durch das wir wieder in Kontakt mit unserem inneren Feld treten. Dort, wo nichts gefordert wird, beginnt etwas zu wirken, das nicht vom Verstand gelenkt wird.
Ich erlebte, dass Antworten nicht dann kamen, wenn ich sie suchte, sondern wenn ich bereit war, still zu werden. Nicht laut, nicht dramatisch, sondern leise, fast beiläufig. Gedanken klärten sich, Entscheidungen wurden plötzlich einfacher, nicht weil ich sie analysierte, sondern weil ich sie fühlte. Die Ruhe schuf einen inneren Raum, in dem Wahrheit nicht erklärt werden musste.
In der heutigen Zeit, in der Geschwindigkeit oft mit Bedeutung verwechselt wird und Ruhe als etwas Unproduktives gilt, fühlte sich dieses Erleben fast wie ein innerer Widerstand an. Doch gerade darin lag seine Kraft. Ruhe verlangte nichts von mir, sie wollte nicht optimiert oder genutzt werden. Sie war einfach da – und ich durfte es auch sein.
Spirituell betrachtet erkannte ich, dass Ruhe ein Zustand der Hingabe ist. Ein Loslassen des inneren Kampfes, ein Aufhören, gegen das Leben zu arbeiten. In dieser Hingabe wurde mir bewusst, dass ich nicht ständig eingreifen muss, um getragen zu sein. Das Leben bewegt sich auch dann, wenn ich still bin.
Die Kraft, die in der Ruhe liegt, ist nicht spektakulär. Sie zeigt sich nicht sofort im Außen, sondern zuerst im Inneren. Sie zeigt sich als Klarheit, als sanftes Vertrauen, als innere Stabilität, die nicht von äußeren Umständen abhängig ist. Je mehr ich dieser Ruhe Raum gab, desto weniger musste ich mich beweisen.
Heute weiß ich, dass Ruhe kein Ziel ist, das erreicht werden muss, sondern ein Zustand, der zugelassen werden darf. Sie ist kein Rückzug vom Leben, sondern eine Rückkehr zu seiner Quelle. In der Ruhe erinnere ich mich daran, dass ich Teil eines größeren Flusses bin, der nicht beschleunigt werden will.
Vielleicht liegt die eigentliche Kraft nicht darin, immer weiterzugehen, sondern darin, den Mut zu haben, stehen zu bleiben. Still zu werden. Zu lauschen. Und zu erkennen, dass das, was wir suchen, oft genau dort auf uns wartet, wo wir aufhören zu suchen.
In der Ruhe liegt die Kraft — nicht, weil sie uns stärker macht, sondern weil sie uns wieder mit dem verbindet, was wir im Innersten sind.

