Wenn Stille in mir beginnt zu sprechen

by | Jän 17, 2026

Es gibt Zei­ten, in denen sich das Außen ganz von selbst zurück­zieht. Nicht, weil das Leben plötz­lich leicht oder über­schau­bar gewor­den ist, son­dern weil etwas in mir müde gewor­den ist vom Suchen. Müde vom Fra­gen, vom Deu­ten, vom stän­di­gen Ver­such, dem eige­nen Weg einen Namen zu geben. In die­sen Zei­ten tritt Stil­le nicht als Abwe­sen­heit auf, son­dern als eine gegen­wär­ti­ge Kraft. Sie füllt den Raum, ohne sich auf­zu­drän­gen, und lässt etwas hör­bar wer­den, das lan­ge unter der Ober­flä­che gewar­tet hat.

Lan­ge glaub­te ich, Spi­ri­tua­li­tät müs­se sich zei­gen. In Erkennt­nis­sen, in inne­ren Bil­dern, in Momen­ten von Klar­heit oder Licht. Ich such­te nach Zei­chen, nach Bestä­ti­gung, nach dem Gefühl, auf dem rich­ti­gen Weg zu sein. Doch je wei­ter ich ging, des­to lei­ser wur­de die­ser Anspruch. Der Weg öff­ne­te sich nicht dort, wo ich etwas fand, son­dern dort, wo ich nichts mehr fest­hal­ten woll­te. Stil­le wur­de für mich zu einem Über­gang — nicht zu etwas Höhe­rem, son­dern tie­fer in das, was immer schon da war.

Wenn ich still wer­de, begeg­ne ich nicht sofort Frie­den. Zuerst begeg­net mir mein eige­nes Inne­res, unge­fil­tert und ehr­lich. Gedan­ken stei­gen auf wie alte Stim­men, ver­traut und doch fremd. Erin­ne­run­gen zei­gen sich, Zwei­fel, Unsi­cher­hei­ten, manch­mal auch eine tie­fe Unru­he. Frü­her woll­te ich das ord­nen, ver­ste­hen oder über­win­den. Heu­te weiß ich: Genau hier beginnt Nähe. Nähe zu mir selbst, zu dem, was gese­hen wer­den möch­te, ohne ver­än­dert zu wer­den.

Stil­le hat mich gelehrt, nicht weg­zu­ge­hen. Nicht vor dem Unkla­ren, nicht vor dem Unan­ge­neh­men, nicht vor mir selbst. Sie for­dert kei­ne Ant­wor­ten und gibt kei­ne Anwei­sun­gen. Sie lädt ein — in ein Blei­ben, in ein Dasein ohne Ziel. In die­sem Blei­ben ver­liert der Wunsch, jemand ande­res zu sein, lang­sam sei­ne Kraft. Etwas Wei­ches tritt an sei­ne Stel­le, etwas, das nicht erklärt wer­den muss.

Im All­tag zeigt sich die­ser Raum oft unschein­bar. In einem Atem­zug, der tie­fer sinkt als gedacht. In einem Moment, in dem ich nicht reagie­re, son­dern wahr­neh­me. In einem Schritt, der lang­sa­mer wird, ohne dass ich ihn bewusst brem­se. Die­se klei­nen Über­gän­ge tra­gen eine stil­le Weis­heit in sich. Sie erin­nern mich dar­an, dass Ver­bin­dung nicht her­ge­stellt wer­den muss — sie ist bereits da.

Viel­leicht ist Stil­le des­halb so macht­voll, weil sie nichts ver­langt. Sie will nichts von mir, sie erwar­tet nichts. Sie bleibt. Und in die­sem Blei­ben öff­net sich etwas, das jen­seits von Wor­ten liegt. Eine Erin­ne­rung ohne Geschich­te. Ein Wis­sen ohne Form.

Manch­mal beginnt der tiefs­te Wan­del nicht mit einer Ent­schei­dung oder einer Erkennt­nis. Manch­mal beginnt er mit dem lei­sen Mut, der Stil­le zu ver­trau­en — und ihr zu erlau­ben, zu spre­chen.

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Stefan Galbavi

Spiritualität, die verbindet und erdet.
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